Donnerstag, 31. März 2011

Keep on breathing



In zehn Jahren gibt es in meiner Wohnung einen Käseschaber. Und Fußbodenheizung. Auf diese Weise muss ich beim Käsebrotmachen nicht immer einen Fuß auf den anderen stellen, um wenigstens 50% meiner Fortbewegungsgliedmaßen vor Eiseskälte zu bewahren. Ich arbeite in einem physiognomisch beeindruckenden Spiegelreflexkomplex. Links des Eingangs steht vielleicht ein Modell einer venezianischen Gondel, die mich an Urlaube in meiner Kindheit, meine Heimat Europa und meine diversen Konten in der Schweiz erinnert. Ich schlafe in lavendelfarbener Seide mit champagnerfarbenem Spitzenbesatz und Süßwasserperlenkette. Vor der nächtlichen Strangulation mit eben dieser bewahrt mich mein Toyboy. Ich bin niemals zu Kontaktlinsen übergegangen. Die Brille als Accessoire. Endlich spreche ich fließend Französisch. Und Italienisch. Die Modesprachen. In meinem Kleiderschrank hängt das Tutukleid mit marineblau-gestreiftem Oberteil, von dem ich träume. Außerdem habe ich wieder ein Weihnachtskleid. Das Rauchen spare ich mir noch immer für meinen ersten Besuch auf Kuba auf. Dann aber Zigarre. Ich habe einen Induktionsherd. Und eine Kochinsel. Sollte ich mir zu diesem Zeitpunkt die Haare färben müssen, es wäre ein kastanienrot schimmerndes Braun, was nur mein schwuler Friseur meines Vertrauens, der am vorderen Hals tätowiert ist, alle vier Wochen erneuern darf… 


 
Tagträume olé. 

Was schwachsinnig klingen mag, bedeutet mir viel. Vielleicht will ich in zwei Wochen nicht mehr alles davon umsetzen und vielleicht modifiziere ich alles morgen früh um 11.30 Uhr, oder um 15.10 Uhr – Zeit genug habe ich ja. Worum es geht, ist, dass mir mit all meiner Zeit hier, die ich verstärkt anfange, zu reflektieren, klar wird, was mir wichtig ist, im Leben. Die Tagträume, die das beinhalten, mögen zu viel Materielles enthalten, aber seien wir ehrlich: Wer von uns definiert sich nicht – zumindest stückweise – über materielle Dinge? Schimpft mich oberflächlich, c´est la vie. 


Andererseits mag ich den Gedanken, alles was irgendwann in meinem Leben neu sein wird, weit von mir wegzuschieben und mich auf die bekannten Dinge zu freuen, die ich schmerzlich vermisse:

Ein klavierklimpernder Bruder, der bevorzugt dann klimpert, wenn ich fern sehen will. Ein Geschirrspülmaschinenausräumpoltermonster, das genau dann von Dr. Mama zu Mr. Hyde wird, wenn ich ausschlafen will. Mein rosafarbenes Plisseekleid. Meinen begehbaren Schrank ohne Licht. Mein blutrotes Eisenbett, in dem ich bei Vollmond vampirähnlich angestrahlt werde und mir mindestens sieben mal im Monat den Kopf anhaue und bei dem ich die unteren beiden Eisenkugeln MIT Stift herausnehmen, statt herausdrehen kann. Den Kirschblütenbaum vor meinem Fenster. Der Schminktisch alias Nähmaschine. Ein dickes schwarzes beißendes Etwas, das sich Kater schimpft. Die Tagesthemen. Claus-Erich Boetzkes. Mandelbrot. Der Käseladen in der Neckargasse, neben einem bedeutungsschwangeren Eiscafé, an einer erinnerungsüberladenen Kopfsteinpflasterstraße. Wegbier (alternativ für mich Weg-irgendwas-mit-Schnaps). Sarotti Rum-Traube-Nuss. Ziegenkäse. Roter Nagellack. Meinen Leopardenschal. Die Rheinpfalz. Mein einzig wahrer Toupierkamm. Gerolsteiner Naturell. Der eine knackende Stuhl in der Küche, bei dem der grüne Kissenbezug katzenkrallengeschädigt ist. Das „Auf-die-Arbeitsplatte-in-der-Küche-setzen-wenn-meine-Mama-kocht-sodass-sie-schon-genau-weiß-dass-etwas-mit-mir-nicht-stimmt“. Kiefern, Ahorn- und Kastanienbäume. Einen Bürgersteig. Weißen Spargel. Mülltüten. Tempo Box. Einen Sessel in einer Altstadtwohnung mit Blick auf ein Tomteposter und die eine einzig wahre Batiktasche. Schwarzbrot. Appenzeller. Exzessiver Teebaumölverbrauch. Griechischer Salat. Haare flechten. Die „eigentlich-gehört-sie-Mama-und-die-hat-sie-von-ihrer-Schwester-aber-jetzt-gehört-sie-mir-Ledertasche“. Ein Pediküreset. Sonntägliche Mittag-bis-Abendessen. Buttergemüse. Braune Strumpfhosen. Weiße Spitzenvorhänge. Fredsessel. Eine Auswahl an Verdauungsschnäpsen. Extra-Brut-Sekt – aber nur mit meiner Mama. Mit allen anderen vielleicht ein etwas lieblicherer Rosé. Die Büroschublade. Eine Mooswiese. Sofadecken. Krümeltorte. Brillenträger.
Kayleigh und Lavender. Wangenknochen. Briefkasten-wo-kein-Briefkasten-mehr-ist-Treffen. Bacardi Razz und Masseweck. H&M. Fachwerkhäuser. Boxsackkonversationen. Schwarze Stulpen. Die lila Blumentischdecke meiner Oma. Ketten. Wollsocken. Spätzle.

Übertriebenes Hängen an einem Zuhause, das ich sowieso bereits verlassen habe? Vielmehr ein liebevolles Erinnern an Dinge, die ich niemals vergessen werde, egal wie lange ich, wo auch immer auf der Welt sein mag. 

Im Zoo zum Beispiel...
















Oder Schlittschuh laufen in den Docklands...



Oder im Melbourne Museum...




Oder beim Australian Football im Melbourne Cricket Ground, Geelong gegen St. Kilda...










Überhaupt in Melbourne. Oder in Sydney. Oder in London. Oder Paris. Mailand. New York. Moskau. Kuala Lumpur. Kapstadt. Mexico City. 
Heimat ist eines der Worte, weswegen die Semantik erfunden werden musste. Komplex. Manche wissen nichts davon, andere wollen nichts davon wissen. Lange habe ich mich für meine Verbundenheit mit meiner Heimat rechtfertigen wollen. Weil es klingt, als ob ich unfähig wäre, mich abzunabeln.
Heute weiß ich, dass es darum nicht geht. Heimat ist für mich nicht unbedingt ein Dorf, sondern ein bestimmtes Haus in einem Dorf, in dem Menschen leben und ein- und ausgehen, die mir das Gefühl einer bedingungslosen Akzeptanz meiner Person geben. Das macht es zur Heimat. Im Umkehrschluss kann ich mir deshalb – wenn ich will – überall auf der Welt eine neue Heimat aufbauen. Daran glaube ich zumindest. Es muss nur Menschen dafür geben, die mit mir gemeinsam diesen Weg gehen und gehen wollen. Der schwierige Teil ist, solche Menschen zu finden. Das ist der Teil, der Heimweh wachsen lässt, der uns aufgeben lässt, der schmerzhafte Sehnsucht nach den Menschen, die die Bedingungslosigkeit schon leben, verursacht. Dann entscheiden wir, ob wir weitermachen oder uns der Geborgenheit der existierenden Heimat hingeben.
Für mich existiert Hauenstein. Und Tübingen lohnt sich für mich. Dort will ich nicht aufgeben, sondern weitermachen, weitergehen und darauf vertrauen, dass die Menschen, die mir wichtig sind, den Weg mit mir wagen wollen. Allein deshalb, weil es meine erste eigene Entscheidung in eine Richtung einer eigenen Heimat war. „Wenn ich nicht zu Hause bin, bin ich zu Hause.“

Und Melbourne? Diese Stadt, dieses Kapitel in meiner kleinen Geschichte macht mich erst dazu fähig, all das zu erkennen und bestärkt mich darin ruhig auch mal nach größeren Sternen zu greifen. 
Das Kapitel mag zu Ende sein. Die Geschichte beginnt.

2 Kommentare:

  1. Luise, hast Du Dir schon mal überlegt, dass Du vielleicht falsch studierst? :)
    Sehr schöne und tiefgründige Gedanken, die Du Dir zu "Heimat" gemacht hast.
    Ich stimme Dir bei allem zu! Trotzdem glaube ich auch, dass es nicht NUR die Menschen sind, die Heimat ausmachen. Ein klitzekleiner ist, glaube ich, trotzdem noch die (vertraute) Umgebung, mit der man hunderttausende verschiedener Erinnerungen verbindet und die man deshalb von all den verschiedenen Plätzen als besonders, als Heimat, ansieht.
    Viele Grüße!
    Dina

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  2. Krass...

    Sehr, sehr toller Artikel, Luise! Du weisst, wie sehr mich diese Gedanken in diesen Tagen bewegen!

    Well done und unglaublich gut zusammengefasst. Ich kann mich Frau Raab nur anschliessen: Du solltest dir das mit dem Schreiben noch einmal ueberlegen. Aber dafuer hast du ja jetzt genug Zeit, denn wo ein Kapitel beendet wird, man die Seite umschlaegt, da beginnt auch gleich ein neues Kapitel, voll von neuen Abenteuern. Home is where you are!

    peter

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