Freitag, 24. Dezember 2010

Adelaide to Alice Springs


In weniger als 12 Stunden würde sie Adelaide schon wieder verlassen haben.  Der Sonntagnachmittag mäanderte an ihr vorbei und nachdem ihr 2 Stunden Tram Ticket definitiv abgelaufen war, machte sie sich vom Glenelg Beach auf den Weg zurück ins Hostel. Warum den Abend nicht mit Adrian Plitzcos Roman verbringen? Es hatte keinen Sinn, sich weiter den Kopf darüber zu zerbrechen, an wen oder was sie Beach-VOLLEYBALL erinnerte und die Ereignisse der kommenden Woche schon vorher wissen zu wollen…





Jedoch sollte schon Tag 1 dieser neuen Woche nicht nur bereits eine Herausforderung werden, sondern schon alle Fronten klären: Princess war ab der ersten Minute der 6 Day Adelaide to Alice Springs Safari ihr neuer Spitzname –  und dabei hatten sie ja noch nicht mal gecampt… Diesen Spitznamen zu ERHALTEN war allerdings im Umkehrschluss keine große Kunst: unter einem Pulk aus fast nur Männern sollte sie die nächsten 6 Tage verbringen. Dass DIE weniger anspruchsvoll in Sachen Haut, Haare, Nägel sein würden, verstand sich von selbst…
Wer waren also ihre Buddys? Ein nettes kleines Multi-Kulti-Trüppchen:

Koen 22, Niederlande
 
Koen war der wahrgewordene Traum eines jeden Modelscouts, der Calvin Klein Unterwäsche Models suchte. Seine Erscheinung in der Wüste strahlte heller und leuchtender als sich jegliche Phantasie einen Edward Cullen in der Sonne vorstellt. Seine glänzend blauen Augen spiegelten das klare Anthrazit des Himmels wieder, sein rötliches Haar bildete das goldene Äquivalent zum schroff-roten Wüstensand, seine helle Haut glänzte wie sie Salzseen der Northern Territory Wüsten und die tausend Sommersprossen, die sich über seinen ganzen Körper verteilten, reflektierten das funkelnde Sonnenlicht wie hunderte kleine Diamanten. Koen war das, was Luise seit jeher versuchte ihrem Bruder zu erklären: Menschen sind schön, sobald sie interessant sind. Koen war interessant. Und sehr lieb… Leider hatte er auch nach Tag 6 nicht ein einziges mal ihren Namen in den Mund nehmen können, sondern sich dauernd des Nicknames der Princess bedient… Es hätte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein können, aber wer ihren Namen nicht mochte, beleidigte ihr Innerstes…

Oliver, 45, französische Schweiz
 
Oliver Delétroz sah nicht aus wie 45. Oliver Delétroz sah auch nicht aus wie ein Franzose. Ebenso wenig verhielt er sich wie einer. Er selbst würde sich auch nicht als Franzose bezeichnen. Aber auch nicht als Schweizer. Seine Muttersprache ist Französisch, seit er denken kann, bereist er Australien, er war schon überall. Es gibt nichts was Oliver nicht kann. Er kennt die Sternenbilder, er kennt Pflanzen und Tiere, er kann Yoga, er ist Vegetarier, er kann Reflexzonenmassage, er trinkt allenfalls mal ein halbes Bier, dafür aber jeden Abend ein nach Klosterfrau-Melissengeist-stinkendes Gebräu, das ihm beim „Herunterfahren“ hilft, er meditiert bevor er schlafen geht, verfolgt den Weg der Luft in seine Lungen und wieder zurück, kriegt keinen Sonnenbrand im Outback obwohl er sich nicht eincremt, hat eine Kondition wie ein Marathonläufer, kurzum, er war eine Spur zu perfekt für Luise. Perfekte Menschen machten ihr Angst. Oliver schien bereits zu wissen, was sie sagen wollte, bevor sie überhaupt den Mund aufgemacht hatte… Oliver war definitiv anders… Nicht unbedingt weniger liebenswürdig. Aber anders… Aber was sollte es. Nach dem zweiten Tag hatte er sie bereits auf seine Skihütte in die Schweiz eingeladen, Snowboard zu lernen. Für Prinzessinnen natürlich kostenlos…

Steve, 21, England
 
Eigentlich in Australien wegen der Ashes hatte Steve beschlossen noch ein bisschen herumzureisen. Wer war Steve? Steve war Engländer. Zumindest war er das, was sich Luise unter einem Engländer vorstellte. Ansonsten war er selbstverliebt, versaut, arrogant: Genau ihre Wellenlänge. So dauerte es auch nicht lange bis sich Steve und Luise zur lustigsten Wandersymbiose unter Australiens Safarisonne zusammengefunden hatten. Auf jedem Hike waren die beiden die goldene Mitte. Oliver brauste voran, Koen hielt Schritt. Dann kamen Steve und Luise, die in etwa konditionsmäßig auf gleicher Höhe waren und alle halben Schritt Pause machten, um irgendein dummes Foto zu machen. Die grellpink-blaue Unterhose war außerdem ein treuer Begleiter. Sie war ein Abschiedsgeschenk von Steve´s Cricketkollegen in England. Luise gab ihr Bestes recht hübsche dumme Erinnerungsbilder von Steve in diesem Kleidungsstück zu machen… Hin und wieder schüttelte sie den Kopf, aber Steve hatte auch den Charme eines Engländers, sodass sie sich niemals großartig in den Haaren hatten…

Sandra und Chris, 24 und 25, Deutschland (die beiden rechts ;-) )
 
Sandra war neben Luise die einzige Frau. In klebender Gemeinschaft zu ihrem Freund Chris allerdings war es in etwa so, als ob Luise doch die einzige Frau war. Sandra hatte IHREN Chris und genauso stellte sich die Sachlage auch dar. Luise war auf sich gestellt, Sandra hatte Chris… Bis auf einen winzigen Hauch eines Eifersuchtsgefühls, das sie empfand, wenn die beiden in den atemberaubenden Momenten ihre Gemeinschaft teilten, kam Luise gut mit ihnen klar. Die Muttersprache verband sie. Zwischen Sandra und Luise gab es außerdem noch das verbindende Moment einer nicht vorhandenen Taschenlampe, die nachts in einem Zelt in der Wüste dringlich von Nöten gewesen wäre… God Bless Samsung Handys.

Luke, 24, Adelaide - TOURGUIDE ;-)
 
Zu Luke fehlten ihr die Worte. Luke war mehr als nur der Tourguide. Luke war Herz und Seele dieses Trips, Luke war der Atem, von dem diese Tour lebte, Luke war der Freund, den wir alle hatten, Luke war der Kenner, Luke war der, der auf sie aufpasste – und Luke war derjenige, der den Namen Princess erfand…

 
Tag 1 begann um 6.30 am beim Peter Pans Travelshop in Adelaide. Nachdem sämtliche Backpacks verstaut waren und sich schon die erste Unzulänglichkeit der Princess in Form von mangelnder Körpergröße auftat, die es ihr unmöglich machte ihre eigene Tasche auf die zweite Ebene im Trailer zu hieven, achtete Luise penibel darauf, dass auch ihr Bier verstaut war, das sie seit Warranambool mit sich rumschleppte und nun den Weg zum Uluru finden würde und setzte sich dann gemütlich in einen Sitz, um die kommenden zwei Stunden noch das ein oder andere Auge zuzutun.
Nachdem Luke sich vorgestellt hatte, schlummerte sie zu den leisen Akustikklängen eines Jack Johnson davon… Wieder wach wurde sie in Melrose, einer kleinen Stadt auf dem Weg nach Norden Richtung Northern Territory. Und bereits hier wurde ihr klar: Die nächsten Tage werden großartig werden. Die Sonne brannte jetzt schon. Noch vor Mittag war sie dazu gezwungen, die Leggings unter ihre Hose umständlich auf einer öffentlichen Toilette abzulegen… Dann gab es endlich die allseits geliebte Vorstellungsrunde im Bus. Luke zwang alle dazu, ihr peinlichstes Erlebnis in Australien zu erzählen und preiszugeben, wer welche Unterwäsche trug. Glücklicherweise hatte Luise sich an diesem Morgen für ein unverhängnisvolles schwarz entschieden und bis auf einen unfreiwilligen, in Handtüchern eingehüllten Besuch bei der Rezeption des Hostels, um nach dem Adapter aus ihrer Laptoptasche zu verlangen, um ihre Haare zu föhnen, noch nichts peinliches erlebt… Kurz nach Mittag erreichten sie ihre Unterkunft in Quorn, wo sie erst einmal alles auspackten, da sie 2 Nächte bleiben würden, um gleich danach Chickenburger zum Lunch zuzubereiten. Anders als bei der Tour nach Adelaide gab es auf dieser Tour auch Seife für die Allgemeinheit. Und Spülmittel. Luise war begeistert… Zeit zum gemütlichen Verdauen blieb nicht, ganz im Gegenteil, es sollten doch eher die 1000 Schritte aus dem Sprichwort getan werden: Es stand der Aufstieg zum Dutchmans Stern an. Obwohl der Berg an sich nicht unbedingt hoch war, war der Weg umso anstrengender. Auf einmal sehnte sich Luise nach den ruhigen ebenen Rentnerwaldwegen ihres geliebten Pfälzer Waldes. Kein Steinchen im Weg, moosiger Duft, frische Luft. Der Dutchmans Stern hielt sengende Hitze, steinige Pfade, luisehohe Gräser (inklusive Tieren darin) und heißen Wind bereit. Nichts desto trotz kämpfen sie sich nach oben. Und ab der ersten Sekunde, in der ihr Fuß den Gipfel betrat, wusste sie, warum sich dieser Weg gelohnt hatte. Der atemberaubende 360Grad Ausblick über Südaustralien, die Flinders Ranges bis hin zu den Salzseen war so unfassbar, dass es Luise tatsächlich mitten auf einem hohen Berg in 34 Grad Hitze und langer schwarzer Aladdinhose zu frösteln begann. Vor lauter Staunen hatte sie Gänsehaut an den Armen und im Nacken. Auf einmal war es da wieder, dieses Gefühl von dem, was Schriftsteller vielleicht Erhabenheit nennen würden…
Nach einer Yogasession auf dem Gipfel und der Taufe von Luise zu Princess (wahlweise Lulu) stand der Abstieg an und der war eigentlich viel schlimmer. Ein inneres Drängen nach möglichst vielen schönen Bildern brachte Luise dann auch noch zum Stolpern und nicht zuletzt zum Fallen. Ein dicker blauer Fleck mitten über ihren Rücken sollte sie die nächsten Tage verschönern…
Nach einem kühlen Bier zum abendlichen BBQ wollte uns Luke ein bisschen mit der Geschichte des Ortes Quorn vertraut machen. Es fiel im dazu nichts Besseres ein, als dem Grüppchen einen Horrorfilm zu zeigen, der auf einer wahren Begebenheit mitten um die Gegend von Quorn basiert. „Wolfs Creek“ mit Namen. Es geht um 3 Backpacker, die bei einer Autopanne von einem vermeintlich netten Australier aufgesammelt werden. In der Nacht macht er sie dann betrunken, quält und vergewaltigt die Frauen, verstümmelt den Mann und am Ende sterben alle… Super Sache vorm Schlafengehen und die zartbesaitete Luise konnte denn auch prompt nicht einschlafen. Aber weniger wegen des Filmes an sich, sondern eher wegen der Begegnung mit dem Hausmeister der Quorn Accomodation, der genau aussah wie der sadistische Verstümmler aus dem Film…

Melrose


Blick vom Dutchmans Stern über die Flinders Ranges...




 
Der Morgen von Tag 2 sollte der späteste Morgen der nächsten Tage werden: Frühstück um 7 Uhr. Im Vergleich zu den anderen Morgen sollte dieser tatsächlich der entspannteste sein… Vegimite on Toast und dann gings los zum Wilpena Nationalpark. Luke verpasste es den ganzen Weg über nicht die Schauplätze von Wolfs Creek zu zeigen und zu erläutern… Erleichtert die nächsten 3 Stunden nicht an diesen Film denken zu müssen, stieg Luise aus dem Bus und atmete sofort eine Luft ein, die ihr wohl ewig in Erinnerung bleiben würde im Sinne einer Reinheit, wie sie nur pralle Natur hervorbringen kann. An diesem Tag sollte die Wandersymbiose mit Steve geboren werden. Der Walk zum Wooronga Lookout nahm dreieinhalb Stunden in Anspruch und es war einer der schönsten Wege, die Luise jemals gesehen hat. Die Cockatoos und Kookaburas in den Baumkronen gaben ihr bestes Konzert, auf dem Rückweg gab es freilebende Kangaroos inklusive und Steve und Luise machten zu viel Quatsch auf dem Weg, als dass einer von beiden Langeweile empfand oder nochmal an Wolfs Creek gedacht hätte. Steve hätte wahrscheinlich ohnehin nicht dran gedacht…aber seis drum.
Währenddessen machte sich Luke einen schönen Lenz. Und nach dem Lunch im Park sollte mittags schon wieder gewandert werden. Langsam entdeckte Luise das Wandern für sich… Man musste ihm nur eine Chance geben. Dann war es gar nicht so schlecht. Und das Ziel zu erreichen war eines der besten Gefühle, das Luise sich vorstellen konnte. Wie generell in ihrem Leben. Ein Ziel haben. Dafür kämpfen. Dafür bluten. Dafür heulen. Sich verrückt machen. Es am Ende in den Händen halten… Die Wanderung an diesem Mittag führte das nette Gespann um Luke zu Aboriginal Caves in denen Malerein zu bestaunen waren… Und hier wurde der Grundstein zum Interesse an indigener Kultur bei Luise gelegt. Kultur interessierte sie nicht erst seit gestern. Aber auf einmal wurde ein kleines Feuer in ihr entzündet. Wer waren die Aborigines?




Die WanderWEGE...

...fast beim Lookout angekommen...


...ganz beim Lookout angekommen...









Die Frage sollte bis Tag 4 warten müssen, denn nach dieser Nacht, die ebenfalls in Quorn verbracht wurde, ging es morgens an Tag 3 um 4 Uhr in der Frühe los – ins Landesinnere. Irgendwann mussten die 1100 Kilometer, die es bis nach Alice Springs noch waren ja mal zurückgelegt werden…
Tag 3 stand ganz unter dem Motto des Deeper Undergrounds. Coober Pedy hieß der Zwischenstopp, an dem auch die Nacht verbracht werden sollte und zwar – wie könnte es anders sein – underground. Coober Pedy ist die Opalhauptstadt der Welt, überall Minen und Opalsuche, jeden Tag, 365 Tage im Jahr. Leute wohnen sogar unter Tage, nur um jeden Tag mit ihrem Pickel gegen die Wände hauen zu können, alles in der Hoffnung irgendwann auf ein kleines bisschen glitzernden Stein zu stoßen, der einen dann reich macht. Nachdem das Lager unter der Erde, in dem es widerlich nach Salz und Moder stank, zurechtgemacht war, gab es eine Minenführung und eine Stadtführung durch Coober Pedy. Luise nutzte die 30 Prozent Weihnachtsspecial Pricing, um ihren Zeigefinger der linken Hand um 66 Dollar reicher zu machen. Seit Mittwoch glänzt an dieser Stelle ein kleiner Singlet Opalring, der – laut Verkäuferin und Zertifikat – niemals kaputt gehen darf.
Am Abend zeigte sich Luke dann von seiner Freizeitseite. In Johns Pizza Bar war Dinner gebucht und zum ersten mal sahen ihn hier alle in seinem Billabong Freizeitdress. Die Kerle auf der Tour nahmen das offenbar zum Anlass wirklich den Kerl in ihnen rauszulassen und nach 98% der Witze auf Kosten der Princess war Luise auch einigermaßen genervt… Nach der Pizza zog die Truppe weiter in die – underground – Bar, in der nach dem Bier in Johns Bar nur noch mehr Bier getrunken wurde. Bei Luise war jedoch das Ende der Bierlatte erreicht. Sie musste umsteigen. Malibu hieß die Rettung, die hier in der Wüste eine erstaunlich erschwingliche war: 6 Dollar Malibu Ananas, plus Flirt mit dem Kellner… Der Abend neigte sich seinem ausgelassenen Höhepunkt zu, der in Form von Billard kulminieren sollte. Luke und Steve gegen die Frauen. Wer verliert, sollte lapdancen… Die Absichten waren eindeutig.
Der Abend nahm dann jedoch noch einmal eine überraschende Wendung, denn Luke schien keinesfalls entgangen zu sein, dass Luise in Johns Pizza Bar nicht die normale, sondern die genervte Princess gab. In der Underground Accomodation klopfte er vorsichtig an Luises Türchen und fragte höflich, ob sie dressed sei. Nach ihrem Ja trat er ein und setzte sich. Was mir auf dem Herzen läge, wollte er wissen. Er sei nicht nur Tourguide. Er merke es, wenn es seinen Schäfchen schlecht ginge. Also hat Luise erzählt. Luke war vertrauenswürdig. Sie war genervt von dem Princess-Quatsch. MAL ist es ja lustig, aber ein Witz der überreizt wird…ist keiner mehr. Versteht er. Außerdem habe sie Heimweh. Sie vermisse Freunde und Familie. Vor allem jetzt an Weihnachten. Versteht er auch. Er sei selbst erst vor 2 Jahren komplett ausgezogen und hat erst jetzt mit 24 seine Eltern zum ersten mal 8 Wochen am Stück nicht gesehen. Das tue scheiße weh, gab er ihr Recht. Außerdem sei er niemals wirklich alleine gereist, sagte er dann und er fände es extrem mutig, dass die kleine Princess den langen Weg von Deutschland nach Australien auf sich nimmt und dort all das macht, was sie macht. Sie solle stolz auf sich sein. Freunde und Familie zu vermissen sei normal und keine Schande. Aber vor allem dürfe sie nicht vergessen für wen sie das alles hier machte: Für sich nämlich. Um sich kennenzulernen. Und um sich zu erfahren. Und genau deshalb solle sie einen Scheißdreck auf alle anderen geben. Einen Scheißdreck auf blöde Tourguides, die dämliche Spitznamen für mutige Mädchen erfinden. Sie solle tun, wonach sie sich fühlt. Und vor allem sollte sie tun, was ihr Herz ihr sagte…

Salzsee auf dem Weg nach Coober Pedy...





...eeeeeeeeeeeeeeeeendloser Stuart Highway...




...sie vermisste das Schaf, dessen Bein geklebt war... zu Hause
in ihrer eigenen kleinen Krippe...


...ooooooooooooooohhhhhhhhhhhh, look at the
little Joey... bei so viel Schmalz wird Luise ja
normal schlecht...

...aber der little Joey war halt einfach süß...
und Malu ist übrigens der Aborigine-Name für ein
rotes Kangaroo...


Underground Bar...





Tag 4 begann schon wieder um 4 Uhr. Das Yulara Resort, das Uluru und Kata Tjuta beherbergt, wartete. Endlich! Zuerst ging es jedoch nach Erdunda, dem „Centre of the Centre“. Würde man die Fläche des Northern Territorys ausbalancieren wollen, müsste man den Finger auf Erldunda legen… Und dann kamen sie an. Uluru und Kata Tjuta. 2 Berge würde der schroffe Laie sagen. Aber noch niemals hatte Luise die Aura eines Ortes so sehr spüren können wie die dieser zwei heiligen Berge. Uluru ist der indigene Name für den „Ayers Rock“, Kata Tjuta der für die im europäischen Mund genannten „Olgas“. Seit tausenden von Jahren gehört das Land um diese Berge den Anangu, den Aborigines, die Pitjantjatjara und Yankunytjatjara sprechen. Die Aborigines in Alice Springs sind schon wieder andere – Arrente nämlich. Und auch um den Uluru gab es einmal ganz viele Stämme. In ganz Australien ehemals in etwa 250. Das Land um Uluru und Kata Tjuta gehört aber seit schon immer den Anangu. Rechtens zumindest. Dann kam der Weiße und nahm es ihnen weg. Nach 20 Jahren Massentourismus allerdings stellte man fest, dass man das Land den Anangu zurückgeben müsse. Die Weißen hatten es nur für 20 Jahre und schon ging alles kaputt. Sie wussten nicht, wie man das Land pflegt. Die Anangu wussten es. Erst 1985 wurde ihnen das Land dann offiziell von der Regierung wieder zurückgegeben und erst seit diesem Zeitpunkt herrscht eine Besuchermanier, mit der beide Kulturen, sowohl westliche als auch indigene leben können. Die Berge sind für die Aborigines heilig. Sie spielen eine große Rolle im Tjukurpa, der Creation Time. Im weitesten Sinne sowas wie unsere Genesis, aber auf keinen Fall chronologisch und eigentlich auch nicht vergleichbar. Aborigines glauben an das Tjukurpa, das ihnen sagt, wie die Welt und was darin lebt, erschaffen wurde, wie man heute leben soll, welche Verhaltensregeln es gibt und wie man sich verhält, wie man in der Wüste überlebt, wo man Wasser findet, welche Honigameisen schmackhaft sind etc. Tjukurpa Geschichten sind aber ebenfalls heilig und nicht für alle zugänglich. Einige sind nur für Frauen, andere nur für Männer. Und keine davon sind für Weiße. Alles was wir wissen – und wissen sollen – sind verkürzte Versionen. Die Aborigines wollen ihre Tjukurpa Geschichten schützen. Sie sind zu wertvoll als dass sie sie einfach weiterplaudern könnten. Wenn sie innerhalb des Stammes niemanden finden, der ihnen würdig ist, dann stirbt die Geschichte mit dem letzten, der sie kannte. SO wertvoll sind sie. Und genau mit diesem Respekt wollen die Aborigines auch behandelt werden. Und ihr Besitz. Verdientermaßen. Sie bitten daher z.B. auch den Uluru nicht zu besteigen. Nicht nur, weil er ein heiliger Berg ist und tausende Touristen ihn kaputttreten würden, sondern auch weil sie sich in höchstem Maße verantwortlich fühlen, wenn etwas beim Klettern passiert…
Luise war wie benebelt. Die beiden Bergsilhouetten ließen Gefühle in ihr wach werden, die sie nicht mal beschreiben konnte. Sie strahlten unbändige Kraft aus. Und Ruhe. Stärke, sich den Gegebenheiten zu stellen, wie rau und uneben auch immer die Umgebung war. Und Sanftmut, Hilfesuchenden Schutz zu bieten. Wie Hans Guck in die Luft stolperte Luise an diesem Nachmittag den Wanderweg durch die Kata Tjuta Bergkette entlang. Sie wollte am liebsten fliegend wandern, um nicht hinsehen zu müssen, worauf ihre Füße traten. Sie wollte alle Augen, alle liebenden Blicke dem Berg zuwerfen. Wie benommen hörte sie, was Luke von der Erdgeschichte erzählte, wie die Kata Tjuta Kette zustande kam, wie Uluru entstand, welche Tiere hier leben, welche Bedeutung welche Lizards haben… Sie vermutete, der Mund stand ihr offen, SO erstaunt war sie von allem…
Der Abend sollte diese Faszination auf den Höhepunkt bringen: Sunset über dem Uluru. Luke brachte die Gruppe aber erst einmal wieder dazu, vor dem Uluru allen möglichen Quatsch zu machen… Der Champagner und die Hitze taten ihr übriges… Leider war der Sonnenuntergang ein bisschen wolkenverhangen. Nichts desto trotz sollte das Gefühl beim Anblick der versinkenden Sonne einfach nur extrem sein. Erstickend, als ob ihr jemand den Schal, den sie trug um die Gurgel gelegt hätte und zuzieht, stand Luise da und unterdrückte das Schluchzen, das in ihr aufkam. Leise Tränen zeugten von der atemberaubenden Situation, in der sie sich befand…
 Atemberaubend würde auch die Nacht werden. Vorbei waren nämlich die Zeiten, in denen es ein Bett gab. Camping lautete die neue Devise… Ein Glück mussten die Zelte nicht erst aufgebaut werden, sondern waren schon da, in Form von Permanently Erected Campsites nämlich. Gummizellen, die in der Sonne des Outbacks und den Milliarden schwitzenden Menschen, die diese Tour schon vorher gemacht hatten eben genau so rochen… Luke erläuterte daraufhin die Möglichkeit unter den Sternen zu schlafen. Luise spielte mit diesem Gedanken. Ganz ehrlich. Inzwischen war es aber nach 10 Uhr, sie war müde wie selten zuvor in ihrem Leben… Es hätte nicht viel gefehlt und Luise hätte tatsächlich den Schritt gewagt, sich mitten auf den Boden zu legen und dort tatsächlich die Nacht zu verbringen. Ausschlaggebender Minuspunkt in Richtung des miefenden Zeltes war jedoch die Dingo-Gefahr. Nacht für Nacht wurden nämlich alle, die draußen schlafen würden, von den umherstreunenden Dingos inspiziert werden. Dingos, klingt nicht soooo schlimm. Weniger schlimm als Spinnen und Schlangen vielleicht. Aber Luise entschied sich dagegen, sobald dieser Satz fiel: “It may happen that they take something with them. You know, little souvenirs like mobile phones, passports…” Nein. Diese Sorgen wollte sich Luise nicht machen müssen. Entscheidung gefallen. Sie nahm einen Schlafsack aus dem Trailer, dachte nicht darüber nach ob Adventure Tours diese regelmäßig waschen würde, legte sich ins dunkle, stinkende Zelt und ließ Gott einen guten Mann sein, der die Sonne am nächsten Morgen um 5.50 Uhr aufgehen ließ, wozu die Gruppe ein weiteres mal um 4 Uhr aufstehen müsste…


Endlich mal nicht mehr in Südaustralien...


Wanderung durch Kata Tjuta beginnt...

...und dauert...

...und dauert...

...und danach erklärt Großmeister Luke die Erdgeschichte...

Kata Tjuta



UND: Uluru





 
Sonnenaufgang über dem Uluru. Und als ob die Wolken es bereits ankündigten, dass die nächste Nacht keine gute werden sollte, war der Aufgang eher verhalten. Minimal konnte Luise den Zauber erfahren, der sich entfaltete, sobald der Uluru von der Sonne angestrahlt wird und seine Farbe verändert… Sie hätte sich dennoch am liebsten hier hin gelegt um sofort zu sterben. Wenn sie einmal sterben müsste, dann hier. Mitten in diesem Moment unter Millionen von Lions Gruppen, die in Shorts und weißen Tennissocken ihre deutsche Herkunft verrieten. Ein bisschen musste Luise an dieser Stelle sogar lächeln. Nein. Ihr Vater hätte niemals Shorts und weiße Tennissocken an diesem Ort getragen. Ihre Mutter war sowieso nicht der Shorts Typ. Außerdem hätten ihre Eltern diesen Moment mit mehr Respekt behandelt…
Keine Zeit, sich solchen Gedanken hinzugeben ließ Luke jedoch, denn kaum war die Sonne über dem Uluru aufgegangen, sollte sich die Gruppe auch schon auf dem Wanderweg drumherum wiederfinden: Uluru Base Walk – wiedermal dreieinhalb Stunden. Luise schlug sich tapfer, immerhin hatte sie ein weiteres Mal ihren Walking Buddy Steve zur Seite, der auch dieses Mal die Landschaft durch die pinkfarbene Unterhosen verschandelte. Manchmal musste Luise lächeln, manchmal wurde es ihr zu viel. Ein heiliger Berg ist ein heiliger Berg. Nicht umsonst darf man an vielen Seiten überhaupt keine Fotos machen – Sacred Sites der Aborigines. Aber die Wanderung selbst konnte Luise im Nachhinein schon wieder kaum beschreiben. Dass ein dicker brauner Felsbrocken mitten in der Wüste ein solche Schönheit sein kann…konnte sie nicht begreifen, wollte sie aber auch gar nicht. Sie wollte sich dem Moment hingeben, an nichts denken müssen und nur den Duft einer langen, ereignisreichen Geschichte und Kultur um dieses ganze Mysterium einatmen können…
Nach dem Basewalk kam Luises Highlight – das Culture Centre. Und hier durften sie dann nur eine läppische Stunde verbringen. Nicht mal genug Zeit um die HÄLFTE der Infotafeln zu lesen, geschweige denn die Fetzen von Tjukurpa Geschichten, die preisgegeben wurden… Zeit genug, ihren Eltern, vor allem ihrem Papa eine kleine Widmung im Uluru Guest Book zu hinterlassen, blieb allerdings. An kaum einem anderen Ort bisher musste sie so oft und so sehr an ihre Eltern denken wie an diesem. Vielleicht auch wegen der Geborgenheit, die dieser Ort ausstrahlte? Sie wusste es nicht, würde noch lange darüber nachdenken… Im Moment war der Zeitplan aber zu straff und nach dem Mala Walk, bei dem Luke zumindest noch ein bisschen über die Anangu und ihre Prinzipien erzählte, ging die Reise schon wieder weiter, zurück auf den Stuart Highway, der sich mitten durch Australien bis hinauf nach Darwin zieht, um abends beim Kings Canyon Campground anzukommen. Der Regenbogen knüpfte an den wolkenverhangenen Morgen an und es dauerte nicht lange bis es – mitten in der trockenen australischen Wüste – begann zu regnen. Regen ist ein schwaches Wort für das was es tatsächlich tat, denn es schüttete, als ob sich der eifersüchtige Himmel entschlossen hätte, Luises Liebe zur Sonne ersticken zu wollen. Innerhalb von 4 Minuten war denn der gesamte rote Wüstensand, der ihre neuen Vans ohnehin schon mit einer hellgoldorangenen Staubschicht überzog zu einem Matschloch geworden, durch das es nun zu waten galt… Erneutes Schlafen in einem stinkenden Gummizelt, alle Erwägungen eines Schlafens unter freiem Himmel dahin… In 10 Minuten zwischen abflachendem Regen und erneut aufziehenden Gewittern zeigte Luke all sein Können beim Didgeridoo Spielen, bevor Luise dann die Nacht damit verbrachte, zu überlegen wie viel Wind und Regen diese Zelte ertragen könnten…









Steve und Luise haben diesen Teil feierlich:
THE MOUTH getauft...


...eine der Tjukurpa Geschichten von der guten
und der bösen Schlange...


Malereien...




Viel Zeit dazu blieb jedoch wieder nicht, denn der nächste – letzte – Morgen startete ebenfalls wieder um 4 Uhr früh. Durch Matsch und überflutete Wege bahnte sich das Grüppchen um Luke seinen Weg hin zum Kings Canyon, der an diesem Morgen erklommen werden sollte. So zumindest der Plan. Erneute dreieinhalb Stunden wandern lagen vor Luise und ihrer Regenjacke. Aber Luke war vorsichtig und überließ uns die Wahl: Dieser Walk sei gefährlich, Menschen sind dabei gestorben, der Pfad zu Beginn heißt nicht umsonst Heart Attack Hill und sobald es wieder anfinge zu regnen, müssten wir sofort umkehren, da der gesamte Canyon nur aus porösem Sandstein besteht. Wollte die Gruppe ihn trotzdem wagen? Sie wollte und es war ein Abschluss, den sie alle mit Sicherheit niemals vergessen werden würden. Vor allem Luise würde ihn nicht vergessen, nicht zuletzt aus dem Grund, da ihre Kamera an diesem Tag den Geist aufgab. Permanently Erected Campsites haben nicht nur kein Licht, sondern auch keine Steckdosen. Und da sie die eine im Badehaus dringend für ihren Föhn benötigte, entschloss sie sich dazu, alles was es nach dem Ausfall des Akkus noch zu sehen gab in liebender Erinnerung zu behalten… Vielleicht würde es ja einen netten Menschen geben, der ihr die Bilder emailen konnte? Abwarten…

Luke hat barfuß ausprobiert ob die Pfütze auch nicht zu
tief fürs Auto war...ekelhaft :-D

Heart Attack Hill...SO sieht er harmlos aus...


Kings Canyon...

Bumerang Baum...Sie war zu müde sich den
Aborigine-Namen dafür zu merken...



Die australische Variante der Geschichte vom Hasen und vom Igel,
in Australien warens Hase und Schildkröte

...ja, das Braune auf der anderen Seite sind Treppen und ja die ganze
Gruppe ist bis zur anderen Seite gewandert...und wieder runter...

 
Mittags um 4 erreichten sie nach gefühlten einhundert Weat Bix-Schnelless-Wettkämpfen im Bus (Luise war Dritte, hinter Steve und Oliver, also bitte…) endlich Alice Springs, eine Stadt, die Luise von der ersten Sekunde an irgendwie an Herrn Takeda erinnerte. Auf einmal fand sich Luise wieder inmitten von Differenzen, Fremdheiten, Hybriditäten. Was ist Kultur? Wer ist man, der man sagt, man gehört zu einer bestimmten Kultur und nicht zu einer anderen? Was verbindet Kulturen, was trennt sie? Wer oder was ist fremd? Fremd wovon? Fremd war sich Luise ohnehin selbst, anders konnte sie sich nicht erklären, warum sie von ihren eigenen Erlebnissen in der 3. Person schrieb. Aber fremd war ihr auch das Land an sich, fremd waren ihr nun die Aborigines, die aus Verzweiflung um den drohenden Untergang ihrer Kultur versuchten, ihr die Handtasche zu stehlen, sie um Essen anbettelten, in unverständlichen Worten und Lauten kommunizierten und sich in Parks und Straßenrändern dem Alkohol hingaben. Aber warum? Ist eine Kultur etwas, das Menschen trennt? Sollte es nicht Grundstein sein, der Menschen zusammenführen kann? Der andere, aber deshalb nicht weniger wertvolle Lebensentwürfe aufzeigt? Wo befinden sich die Aborigines heute? Mit welchem Recht kamen die Weißen damals und nahmen ihnen ihr Land? Wie leben sie heute in einer Stadt, die sie so niemals hätten aufbauen wollen, einfach weil es gar nicht ihr Konzept von Stadt ist. Wie leben sie in einer Stadt, geprägt von einer Lebensweise, die nicht ihre eigene ist?
Diese Fragen würden Luise auf dem weiteren Weg begleiten… Bis sie in diesem Gedankenwirrwarr ein Stückchen weiter gekommen sein würde, ließ sie Bilder beschreiben, was sie sonst in Alice erlebte…




Ein Blue Tounged Lizard: Spielt ne große Rolle im Tjukurpa...

...die Olive Python nicht...

...aber sie wusste offenbar, dass Luise über den Kopf
die meiste Körperwärme verlor...

Royal Flying Doctor Service: Wenn sie im Busch kolabiert
wäre, hätten die Jungs sie abgeholt...

...Alice´s größer Fluss: Der Todd River

Aborigines vorm Weihnachtsbaum...
irgendwie absurd...

Alice Spring´s Shopping Centre...
 
Und während sie diese Zeilen schreibt, tippen ihre Finger leise in die tropische Nacht eines nordaustralischen Cairns hinein…Sie hatte Sonnenbrand obwohl den ganzen Tag ein tropischer Regen fiel, im Woolworths musste sie gegen 16.37 Uhr des heutigen Tages zwischen „All I want for Christmas“ einer Mariah Carey und dem Anblick von Walkers Short Bread und Dänischen Butterkeksen weinen und morgen würde sie den 24. Dezember auf der Ocean Free verbringen und hoffen, dass sie ein Great Barrier Reef von ihrem Heimweh ablenkt… Schon wieder ein neues Australien, ein neuer Blickwinkel ganz für sie allein…

All ihren Lieben wünschte sie von ganzem tiefsten inneren Herzen schöne Weihnachten! Sie litt bei dem Gedanken jeden einzelnen von ihnen nicht beschenken zu können… 


Weihnachtsmenü dieses Jahr: Lamington plus real rosted coffee
(fair getraded versteht sich) - im linken Hintergrund: Opalring...
Weihnachtsküsse aus Down Under.
Luise

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