Samstag, 11. Dezember 2010

Melbourne to Adelaide

Sie erwachte zum unangenehmen Geräusch von Ingas Husten. Es war ein tiefes Würgen und Ächzen. Gleichzeitig drehte sie ihren massigen Körper im Bett von der einen zur anderen Seite. Die alten Federn in der Matratze quietschten laut. Genug. Luise schlug die Augen auf. 3 Uhr 56. Auf die halbe Stunde kam es jetzt auch nicht mehr an. Sie richtete sich auf. Sie war nicht müde. Zumindest spürte sie nicht die typischen Anzeichen von Müdigkeit an ihrem Körper, die sie sonst spürte. Keine schweren Augen, kein träges Gefühl. Im Gegenteil. Mit einer Mischung aus Vorfreude und Unsicherheit schlüpfte sie in ihre Flip Flops, von denen sie bereits jetzt schon wusste, dass diese eines der Gepäckstücke waren, die den Weg nach Deutschland nicht wiederfinden würden. Sie ging ins Badezimmer und wusch sich ein letztes mal inmitten von tausenden langen schwarzen Asiatinnen-Haaren, die überall am Waschbecken und in der Dusche klebten. Die würden mit Sicherheit gutes Material für Extensions hergeben, dachte sie auf einmal. Obwohl nein. Sie hatte mal in Galileo gesehn, dass dafür nur Haaren von Inderinnen verwendet werden würden. Und das war zu einer Zeit, als Galileo noch kein Unterschichtenfernsehen war. Also nein. Kein Asiatinnenhaar für Haarverlängerungen. Sie schaute in den Spiegel, beschloss, dass sie – wenn sie in Louisa St wohnen würde – als erstes ein Kaffeepeeling anrühren musste, um endlich ihre abgestorbenen Hautschüppchen entfernen zu können, nahm ihren Badebeutel und machte sich auf, zurück ins Zimmer der hustenden Dicken. Zum letzten mal öffnete sie die Klinke der Türe nach oben, um sie zu öffnen. „Up to open“ hatte der Landlord Glenn extra dazu geschrieben. Ruhig und besonnen zog sich Luise an. Was würde sie brauchen? Was nicht? Was konnte sie wegschmeißen, was nicht? Irgendwann kam die scheißegal Einstellung. Obwohl sie es genoss Inga ein bisschen mit ihrem geräuschvollen Packen zu quälen mitten in der Nacht, hatte sie ihre Sachen bald alle beisammen. Auf einmal schlug auch Inga die Augen auf. „I´ll come down with you, to say goodbye.“ Womit hatte Luise das nur verdient? Inga warf ihren plüschrosa Bademantel über und ging voraus. Hinter ihr verbreitete sich der Duft einer schwitzenden Dicken, die eben auch beim Schlafen schwitzt. Luise wandte sich ab. An der Tür vermied sie es, Anstalten zu machen, Inga auf irgendeine herzliche Art und Weise Auf Wiedersehen sagen zu wollen. Aber Inga entschied anders. „Goodbye hugging!!!!“ Oje. Luise tat, als ob sie unter dem Gewicht des Backpacks, der ungefähr drei Viertel ihrer eigenen Körpergröße hatte, zurücktaumelte, um die Umarmung möglichst schnell beenden zu können. Zum Glück hatte sie auch noch ihren Laptop, ihre Handtasche und ihr Frühstück in Form von Bananen und Äpfeln in einer Tüte bei sich, sodass für längere Goodbye Arien keine Kapazitäten mehr blieben. Luise drehte sich kein einziges mal mehr nach Hoodle Street um. 

An der Tram Station Punt Rd/Bridge Rd musste sie eine halbe Stunde auf die erste Straßenbahn warten, was ihr nicht weh tat. Im Gegenteil. Die laue Morgenluft war besser als die bakterienverseuchte Luft ihres Zimmers, das sie gerade verlassen hatte. Sie stellte ihren Rucksack ab und fing an zu frühstücken. Hinter ihr wurde gerade das Harry Potter 7 Werbeplakat gegen ein Coca Cola Plakat ausgetauscht. Die Bananen schmeckten nach einem warmen Land. Die Äpfel nach einem Dollar 79 das Kilo. Die Straßenbahn kam. Luise hiefte ihr Gepäck hinein und keine halbe Stunde später wartete sie zusammen mit Jessica, die dieselbe Tour nach Adelaide beginnen würde, am Arts Centre auf den Adventure Tour Bus. Kurz nach halb 7 Uhr morgens saß Luise in dem Minibus für maximal 24 Leute und beschloss ab genau diesem Zeitpunkt Gott einen guten Mann sein zu lassen. Es konnte kommen was wollte. Die Aussicht des 8. Januar in Louisa St machte ihr Mut, die Zeit bis dahin würde, sofern sie denn schlecht werden würde, schon irgendwie vorbei gehen. Das ist ja das gute an Zeit. Sie geht vorbei. Ob man will oder nicht. Bis 8 Uhr holte der weibliche Tourguide, der sich bis jetzt noch nicht vorgestellt hatte, in ganz Melbourne Menschen ab, die sich genauso unsicher und voller Erwartungen zu Luise in den Bus setzten. Beim YHA St Kilda wurde dann der Papierkram erledigt. Luise unterschrieb einen Wisch. Als ob sie mit dieser Unterschrift einen neuen Abschnitt beginnen würde, fühlte sie sich auf einmal motiviert. Wozu wusste sie nicht genau, denn sie konnte ja schlecht riechen was auf sie zukommen würde. Egal woher das Gefühl kam. Sie genoss es. Jetzt stellte sich endlich die Tourleiterin vor. „Hello everyone, my name is Shelly and I´m your guide fort he next 3 days. I hope you guys had a good night because we´re off to see a lot o aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaawwwwwesooooome things!!!” Aber als erstes erklärte sie ein paar Basics. Die Bustür benutzen, statt aus dem Fenster klettern. Zuhören, wenn sie was zu sagen hat. Wasser trinken wenn es zu heiß wird. Musikwünsche äußern. Bier trinken – ab jetzt!!! Schade, dass Luise (noch) keins hatte, aber das würde sich ändern. Shelly erklärte, was für den ersten Tag auf dem Programm stand, aber schon nach Punkt 2 konnte Luise nicht mehr folgen, denn Punkt 1 bestand schon aus so vielen Unterpunkten, dass ihr Gehirn Overflow anmelden musste. Offenbar äußerte sich die vermeintliche nicht-vorhandene Müdigkeit in verminderter Aufnahmefähigkeit. Aber egal. Shelly würde es noch einmal sagen, wie der Ort heißt, an den sie fahren würde. Spätestens wenn alle aussteigen würden. Der erste Ort hieß denn dann Torquay, der Startpunkt der Great Ocean Road, die sich westlich von Melbourne durch ganz Victoria zieht. Als Luise Torquay sah hatte sie nur noch einen einzigen Lebenstraum. Alles hinter sich lassen, nach Torquay ziehen, so lange am Strand rumgammeln, bis sie einen reichen Surferboy kennenlernen würde. Sich mit dem ein nettes Häuschen am Strand kaufen, einen eigenen Surferladen betreiben, im Sommer Modeschauen mit den neuen Kollektionen von Rip Curl am Strand veranstalten, abends auf der Terrasse den Sonnenuntergang angucken, einen herben Käse mit einem süßlichen Rotwein trinken, dazu Olivenbrot.


Leider verließen sie Torquay schon nach 30 Minuten. Gerade genug Zeit, um dem Traum das Ende anzuträumen: Wenn der nette Surferboy Kinder haben wollen würde und sich eine romantische Hochzeiit am Strand wünschen würde, würde es Luise zu bunt werden. Das war zu viel Klischee. Sie würde ihn verlassen und mit einem reich-gefährlichen Südamerikaner durchbrennen, der in Mexiko in Drogen macht. Torquay verließ sie dann tatsächlich. Leider nur mit zwei neuen Rip Curl Mützen. Am Vormittag ging es weiter zu Baines Beach. Stille. Luise wusste schon gar nicht mehr wie sich das anfühlt. Einfach nur dem Rauschen des Meeres zu lauschen, war ein Gefühl wie Weihnachten. Vielleicht wie Weihnachten ohne Familie, aber immerhin. Sie atmete, als ob sie noch niemals im Leben geatmet hätte. Sie schloss die Augen und wie in einem schlechten Film rauschten alle Eindrücke der letzten 9 Wochen an ihr vorbei. Und auf einmal war ihr Kopf leer. Sie roch nur noch den frischen Wind, der vom Meer aus kam. Ihre Haaren flogen durcheinander. Sie schmeckte das Salz, das in der Luft lag. Es verbreitete sich auf ihre Zunge wie ein unaufhaltsamer Wirbelsturm. Luise fröstelte. Das Wetter war der einzige Wehmutstropfen. Statt der ersehnten Sonne gab es leider nur tief hängende, bedrohlich aussehnde Wolken. Zum Glück hatte sie ihre Regenjacke. Und ihren Schirm, der bereits beim ersten Regen in Melbourne damals kaputt ging. Luise zog ihre Schuhe aus und spürte den nass-kalt schwarzen Sand, der sich zwischen ihre Zehen drängte. Sie atmete als ob sie Lungenprobleme hätte. Sie fühlte nichts. Dachte an niemanden. War nur sie selbst. 





Danach fuhr Shelly ein rasantes Tempo die Great Ocean Road entlang. An allen möglichen Touristenplätzen und Aussichtspunkten wurde Halt gemacht. Langsam lernte Luise die anderen auf der Tour kennen. Nicht mit Namen, aber zumindest mit einem ersten Eindruck, für den es bekanntlich keine zweite Chance gibt. Beim Mittagessen sollte sich das jedoch ändern.
 
Inzwischen regnete es. Es regnete nicht, es schüttete. Aber Shelly ließ sich nicht davon abhalten der Gruppe ein nettes BBQ zuzubereiten. Jeder einzelne musste mithelfen das Essen aus den großen Boxen aus dem Bus zum BBQ Place zu schleppen. Dort wurde dann Gemüse geschnippelt, Brot geschnitten, Chicken gegrillt. Mitten im Regen. Inzwischen windete es auch. Am Ende standen alle schützend in einem Kreis, jeder sein Tellerchen vor sich, das wie der Augapfel eines jeden behütet wurde. Nun kam endlich die Vorstellungsrunde. Luise bewegete sich geschickt so zum Salat, dass sie nicht mehr als zweite sondern als letzte an der Reihe war. Erstmal abwarten, wer die anderen so sind. Terry und Ruth waren seit 4 Wochen in Australien. Ihre Rundreise hier gestaltete sich in Luises Augen eher als Eheprobe denn als Ehepaartour. Sie leben in Arizona, haben einen Sohn Jon und besuchen diesen über Weihnachten in Californien. Ruth war die Mutter der Gruppe. Terry der unverschämte, ungehobelte, unkultivierte aber deshalb schon wieder lustige US-Amerikaner, der auch mal 4 Jahre in Deutschland gelebt hatte. Anthony hieß mit Sicherheit nicht Anthony. Er kommt aus Korea, heißt also wahrscheinlich HoHinSchua. Für alle anderen: Anthony. Er ist seit einem Jahr in Australien, hat hier studiert, muss aber jetzt zurück nach Korea. Er wurde vom Militär eingezogen. Armer Kerl. Jessica, Cathrine und Josephine kommen alle 3 aus London. Luise hat vergessen, was sie alle machen oder arbeiten, auf jeden Fall genoss sie es ihnen beim Englischsprechen zuzuhören. Ein phonetischer Genuss, der sie über alle Maßen freute. Ihr Weihnachtsgeschenk für dieses Jahr. Dann gab es noch Birgitt. Birgitt kommt aus Hessen. Nachdem sie ihren Job verloren hatte, beschloss sie, nach Australien zu gehen. Birgitt konnte einem Leid tun. Sie war ein herzenslieber Mensch, erfüllte allerdings jegliche Klischees, die man als Anghöriger einer anderen Kultur von einem Deutschen haben kann. Luise bemühte sich deshalb Birgitt zum Englischsprechen zu zwingen. Auch wenn es peinlich war. Auch wenn Birgitt mit dem Sprachgefühl eines Koalabären mit nicht existenten Verbformen und Zeiten um sich schlug. Besser so, als wenn Birgitt in der Gegenwart aller anderen mit Luise auf Deutsch sprach.

Nach dem Mittagessen waren alle nass. Zwar satt, aber nass. Shelly vermied es aber auch nur den Hauch einer Demotivation aufkommen zu lassen, die vor allem bei Luise in greifbare Nähe gerückt war. Regen. Im sonnenverwöhnten Australien, das um diese Zeit normalerweise mit Dürren kämpft... Shelly legte Musik auf. Aussie Christmas Songs, in denen Dingos den Sticky Christmas Pudding stehlen und alle nur am Strand Bier trinken. Während der Fahr erklärte sie, wer ihre Kuscheltierfreunde vor der Frontscheibe sind: Koala, der Koalabär, Nosie, der Nasenbär, der die Tööööörmaits aus ihren Bauten schnieft (Die blaue Elise lässt grüßen) und: Kookabura, ein Vogel, den es nur in Australien gibt und der klingt, als ob überall Affen im Gebüsch wären. 


Als nächstes ging es zum Vogelfüttern und Koalabären beobachten. Klingt alles ziemlich langweilig und Luise kam sich beinahe seltsam vor, weil sie bei diesen Aktionen einen Spaß empfand wie ein Kind, das sich um nichts Sorgen macht. Sie kümmerte sich nicht einmal mehr wie sie auf Bildern aussehen würde. Wer sie hässlich nicht mag, hat sie schön nicht verdient. Außerdem war sie bereits regenlädiert.

(Die Klumpen sind Koalas...)


Am frühen Nachmittag wurde gewandert. Und zwar nicht irgendwo, sondern im Regenwald. Als besonderes Plus gab es auch einen Weg "Over the trees" und auch ein kleines freischwebendes Stück auf dem Luise das Kind in sich herauslies. Sie hüpfte und  sprang bis das freischwebende Stück Stahl zu schwingen begann. Die Bäume und Wipfeln um sie wehten im Wind, die Luft war feucht, Luise fühlte sich als ob sie schon lange nicht mehr so viel Spaß hatte. Wie damals, wenn sie und Otto auf Wauzi und dem Motorrad so stark hin- und herschaukelten, dass die Schnauze von Wauzi und das Rad vom Motorrad vorne ein Loch in den Rasen hackten und beide aufpassen mussten, dass sie sich nicht die Nasen an den Schaulkeltieren blutig schlugen.






Der Rest des Tages fiel leider im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser. Aber Motivationscoach Shelly hatte noch Run DMC im Gepäck. Sogar Ruth und Terry wippten auf den unmodisch-grauen Bussitzen mit, bevor alle zusammen im Chor Sinnead O´Connor´s "Nothing compares" grölten (inklusive Birgitts "Nassing"-Aussprache... so schwer ist ein th nicht unbedingt...). Die 12 Apostels sollten aber dennoch nicht mehr sein. Der Regen war inzwischen so stark, dass Shelly kaum noch die Straße sehen konnte. Es wurde beschlossen, das was noch kommen sollte, auf den nächsten Tag zu verschieben. Luise war das nicht unrecht. Inzwischen war sie müde. Und kalt. Und ein bisschen traurig. Im Hostel, das zu ihrer Überraschung sehr sauber und gut organisiert war gab es dann Schnitzel zum Abendessen. Luise aß nicht unbedingt Abend sondern beobachtete den Gutaussehenden im lila T-Shirt am Tisch gegenüber. Als sie erfuhr, dass dieser nette Junge zur anderen Adventure Tours Gruppe gehörte, die dieselbe Tour in Reverse machten und heute abend mitfahren sollte, um den Sonnenuntergang zu sehen, liftete sich ihre mood wieder ein bisschen up und sie hatte wieder ein Ziel: Mit ihm ins Gespräch kommen. Ihre Pläne hätten sich tatsächlich auch umsetzen lassen können, wenn nicht wieder das Wetter in die Quere gekommen wäre. Inzwischen war es nicht mehr nur Regen sondern ausgewachsene Tornadostürme mit heftigen Gewittern. Vom Sonnenuntergang war demnach fast nichts bis in der Tat nichts zu sehen und Luise zog es vor, eingepackt unter ihrer Regenjacke rumzustehen und frierend in die Ferne zu gucken als sich um den Typen zu kümmern. Es gibt so viele Typen in lila T-Shirts. Muss ja nicht heute sein. Totmüde fiel sie ins Bett. Sie hatte das Gefühl seit 3 Tagen wach zu sein, so viel hatte sie heute erlebt, so viele neue Lebensentwürfe hatte sie heute kennengelernt, so viele Aufs und Abs erlebt. Zum gleichmäßigen Ton von Anthonys Schnarchen im Stockbett unter ihr schlief Luise ein und erwartete Tag 2.

Tag 2 begann vielversprechend. Wolkig, aber der Regen hatte eine Luft hinterlassen, die einzigartig war. Als erstes fuhr Shelly ein Stück zurück, um die Dinge zu sehen und zu erleben, die der Gruppe an Tag 1 verwehrt geblieben waren. 12 Apostels, 1000 Beaches mit verschiedenen Namen, Shipwreck Stories. 
12 Apostels im Regen -.-


Luise lauschte wie ein kleines Kind. Sie fühlte sich in der Tat nicht als Tourist, sondern viel mehr als kleines Mädchen, das auf einmal die Welt sehen darf. Aus ganz anderen Augen. Hinzu kam, dass sie auch irgendwo fühlte, sich das alles verdient zu haben. An nichts zu denken, sie selbst sein zu dürfen, auch mal mit blöder Frisur im Wind rumstehen zu dürfen. Kein Druck, kein niemand, der sagt, welche Sätze sie falsch schreibt und dass sie am Ende vom Satz dringend üben muss, die Stimme nicht zu senken. Einfach nur sie und Australien.
Der Regen wartete gnädigerweise bis Luise und ihre inwzischen fast liebgewonnene Gruppe das Vulkantal durchwandert hatten und Emus beobachtet hatten. 

Zu einem Lunch-Sandwich erzählte Shelly woher sie kommt und warum sie Tourguide wurde. Dann kam wieder der Regen. Im Regen erreichten wir den Grampians National Park und im Bus musste Krisensitzung abgehalten werden, was gemacht werden würde. Shelly hatte sich erkundigt. Eigentlich war geplant den Weg nach oben zu Halls Gap zu machen, Klettertour. Der Weg sah allerdings ungefähr so aus, sodass die Rangers die Touren gesperrt hatten. 

Was also tun? Gar nicht wandern? Gar nicht klettern? Shelly erkundigte sich nach Alternativen, sodass 2 kleinere Touren als Alternative beschlossen werden konnten. Eine kleine kangaroowanderung und eine kleine Wasserfallwanderung, zu denen der Regen Gott sei Dank eine Pause machte. Luise hatte das Gefühl, dass die Götter sich womöglich doch nicht gegen sie verschworen hatten. Sie genoss die Wanderungen. Sie sah zum ersten Mal Kangaroos (sogar Whites, also weiße) und es entstand das elfengleiche Wasserfallbild, das sie sich zu Hause würde einrahmen lassen wollen. 




Obwohl die Wanderungen klein waren, waren an dem Abend trotzdem alle müde. Was nicht davon abhielt, gemeinsam zu kochen und das Bier, das mittags bei einer Bierprobe getestet und gekauft wurde, zu trinken. Spaghetti a la Shelly. Genauso verrückt schmeckte das ganze dann auch. Inmitten der Wildnis, noch immer im Grampians National Park schliefen alle wie Steine. Tag 3 stand an.

rechts: Cathrine, Josephine, Birgitt, Anthony, Kopfende Shelly
links dann: Jessica, Terry, Ruth und Luise


Und der hielt denn auch endlich was die Broschüre versprach. Luise stapfte um 5.45 auf den Balkon der private accomodation und sog die klare Luft ein wie Wasser. Auf einmal entdeckte sie das Kangaroo, das unter ihr stand. Sie bewegte sich nicht. Sie beobachtete es. Wie in einer Tierdokumentation hielt es seine kurzen Arme vor seinem Bauch, schaute mit der länglichen Schnauze in der Gegend herum und schnüffelte. Luise war ganz still. Sie wollte nicht, dass dieser Moment jemals vorbei geht, er war ZU perfekt. Und wahrscheinlich deswegen innerhalb einer Sekunde vorbei. Joey entschied sich, wegzuhoppeln. Schade. Aber auch irgendwie notwendig, denn andernfalls hätte Luise den Weg zum Badezimmer nicht gefunden, was sie aber musste, denn um 6 Uhr sollte es Frühstück geben.
Die Sonne schien, sodass Shelly beschloss, die Gruppe eben heute auf Klettertour zu schicken. Am Hollow Mountain begann der Hike und Luise verpasste es nicht, vorher zu fragen ob man das Klettern denn schaffen könnte, auch wenn man vorher noch nie geklettert war. Shelly lachte sich tot. "You crazy Germans", war alles was ihr einfiel. Und in der Tat. Wieder einmal machte Luise die Erfahrung, dass man sich vielleicht nicht zu sehr um alles kümmern sollte und einfach mal versuchen sollte, sein Bestes zu geben. Mit ein bisschen Hilfe von Shelly klappte alles einwandfrei und Luise hatte sich am Gipfel gefühlt, als ob sie der erste Mensch auf dem Mond war. Besonders stolz war sie auf ihr Kletteroutfit. Ihre Mutter hätte bestimmt gesagt, sie könne so nicht vor die Tür gehen, weil sie "ja keine Hosen an hat". Aber Luise fühlte sich a) wohl, b). wusste sie, dass Sarah stolz auf sie sein würde, den Mut zu haben, "nur" mit der Giraffe wegzugehen und c) hatte sie ja noch ne Weste und einen Schal an und d) scheiß drauf! Ging gut. 






Nur die Moskitos hatten ziemlich leichtes Spiel, sie durch die dünnen Leggings dermaßen zu stechen, dass sie ihre Beine nicht mal für Geld herzeigen würde...
Der Rest von Tag 3 ergoss sich in einem Gefühl von Beruhigung, Erschöpfung und Erleichterung. So far war doch alles gut, oder? Shelly hatte ein paar letzte Stops in Petto und nach einem letzten gemeinsamen Lunch (Wraps) fuhr sie ihr Grüppchen sicher nach Adelaide. Luise und Josephine wohnten im selben Hostel. Cannon St Backpackers.
Und da kam die Desillusion dann ans Licht.

Luise fühlte sich plötzlich allein. In einer neuen Stadt. Irgendwie unsicher wie es weitergehen sollte. Grandios irgendwie, das alles hinter sich zu haben, alles erlebt zu haben, neue nette Menschen kennengelernt zu haben. Aber irgendwie war auch alles alles andere als gut... Sie fühlte sich leer. Allein. In einer ZU großen Stadt, die ZU wenig wie ihr lieb gewonnenes Melbourne war.
Luise weinte. Sie konnte nicht genau erklären woher die Tränen kamen, aber sie ließ ihnen freien Lauf. Sie war erschöpft. Emotional. Träge und traurig. Sie wünschte sich nach Hause in den Schnee, zu ihren lieben Menschen, die mit ihr den Tag teilten. Und auf einmal kam eine kleine Fee, die ihr das Licht am Ende des Tunnels zeigte...

Adelaide. South Australia. 
Adelaide Victoria Square



Bekannt für Wein. South Australia macht 60 % seines Exports mit Wein, es gibt gefühlte 80000 deutsche Auswanderer, die Weingüter im Gebiet von Barossa oder den Adelaide Hills aufgebaut haben. Luise kommt von der Weinstraße. Naja, fast. Aber sie hat sich schon immer zum Geburtstag gewünscht eine Weinprobe zu machen, vor allem weil ihr auch die Straußleitphase (oder besser, das Straußenleiden :-D ) ein genussähnliches Gefühl beim Trinken von Wein seit ihrem 18 Lebensjahr verwehrt hat... Warum, dachte sie also, nachdem sie den Freitag nach 12 Stunden Schlaf und einer kleinen Adelaide-Sightseeing Tour verbracht hatte, keine Weinprobe machen??? Für 75 Dollar wurde sie samstagsmorgens von David, einem älteren Weinkenner, abgeholt und mit 18 anderen in das Gebiet von Barossa gefahren. Sie fühlte sich schläfrig, aber auch aufgeregt. 4 Weingüter sollten besichtigt werden, Luise hatte noch nichts gegessen, weil es womöglich hygienischer war, von der Straße zu essen, als im Hostel... Und am Ende des Tages hat Luise einen Favortiten: "Tut mir Leid Mama", dachte sie, als sie gegen 5 wieder zurück nach Adelaide kamen "aber ich bin nicht der trockene Typ". Luise mag die Kopfwehweine. So traurig das sein mag, aber nach 4 Weinproben stellte sie fest, dass der Muscato ("Mjuuuuskäääätooooouuuuuu") ihr Ding ist. Süß, nach Traube, spritzig, ein Dessertwein. Aber auch zu Fisch ganz gut, hat sie sich belehren lassen. Auf alle Fälle weiß sie jetzt wonach sie in Sydney mit Robert im Bottleshop suchen wird, um wieder einen Wein zu ihrem Abendessen zu finden ;-) Wolf Blass heißt der Gewinner, wie könnt es anders sein, ist auch der teuerste... 

Weingut Wolf Blass



Weingut Simpatico


Weingut Grant Burge

Weingut Kies

Barossa Valley I

Barossa Valley II

Big Rocking Horse in Barossa Valley (+ Spielzeugfabrik ;-) )

Der Sonntag wird Luises Abschlusstag in Adelaide werden. Sie hat einen Plan, dessen erster Punkt ausschlafen umfasst. Gegen 5 wird sie sich ins Bett legen, die letzten Tage Revue passieren lassen, ein bisschen über Menschen nachdenken und sich dann freuen, dass es am Montag wieder um 6.20 Uhr früh weitergeht. 
Alice Springs heißt das Ziel, irgendwoe dazwischen hofft sie auf den Uluru.



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