Dienstag, 28. Dezember 2010

Queensland - The Tropical North - Cairns

Sie verließ Cairns mit einer innigen Hassliebe. Wie konnte eine so schöne Stadt so hässliche Erinnerungen in ihr verursachen? Und dabei begann alles so idyllisch…

Ben stand noch immer in der Tür. „I´ll just pop down to get ya some sheets.“ Luise war dankbar. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es überall zum Hostelservice gehörte abends um halb 9 vom Flughafen abgeholt zu werden. Dann begleitete man sie noch bis zu ihrem Zimmer, popte down, um ihr some sheets zu getten, nein es musste auch an ihrer Shorts und ihrer hilflose Kleinmädchenattitüde liegen, dass man ihr derart half…
Das Zimmer in Cairns war eines der saubersten, das sie so far gesehen hatte. Keine Spinnen, keine Spinnweben, kein Dreck auf dem Boden, dafür Kakerlaken. Aber gut, im immerfeuchten Klima, das hier nunmal herrscht, fühlen sich die Biester wohl… 
Immerfeucht war darüberhinaus das Stichwort, das ihren Aufenthalt in maßgeblicher Weise bestimmen sollte… Am Morgen des 23. begab sie sich – frisch geduscht und geföhnt, wovon letzteres in diesem Klima allerdings vollkommen unnötig war, denn nach 3 Minuten an der Luft, sahen die Haare sowieso wieder wie feucht aus, was Luise an eine gewisse Lisa erinnerte, deren dauernde Klagen über ihr lockiges Haar bei feuchtem Wetter an diesem Ort der Erde ihre Maxime gefunden hätten – zur Rezeption ihres Hostels und beratschlagte eine geschlagene Stunde mit Ryan, dessen Augen so türkis waren, wie die Postkarten das Meer in Cairns darstellen und dessen Wimpern Luise zu dem Verdacht verleiteten, dass er sie sich womöglich verlängern ließ, wie ihre nächsten Tage in Cairns aussehen sollten. Es gab viel in der Stadt zu entdecken, wozu sie niemanden bräuchte, Nachtmärkte, Shopping Centres, Kirchen, Strände, Kultur und jeden Abend an der Strandpromenade Musik und sowas… Das konnte Luise allein auschecken, dafür war sie alt genug...




Cairns Central Shopping Centre

Nightmarket

The Esplanade - Flaniermeile

Endergebnis Dauerregen: KEIN türkisblaues Meer

 
Also buchte Luise „nur“ 2 Touren: Eine zum Great Barrier Reef, was nun mal eben sein musste, wenn man hier war und eine zu einer Krokodilfarm – womöglich gab es Weihnachtsrabatte auf Taschen…
Die Tour zum Reef konnte aufgrund des dazwischenkommenden Christmas Days nur am 24. Dezember stattfinden. An diesem Tag feiert man in Australien noch nicht. Man genießt nur den Christmas Eve. Der 25. ist das eigentliche Event, alle stehen früh morgens auf, um die Geschenke, die Santa über Nacht gebracht hat, auszupacken und dann den Tag zu verchillen. Der 24. war also noch möglich, der 25. nicht mehr, der 26. ist Boxing Day, an dem auch vieles geschlossen hat und am Montag würde sie Cairns schon wieder verlassen. Also der 24. Problem am 24 war nur eben das Wetter… Ryan wünschte ihr, dass sich der Regen verziehen würde. Seine Worte sollten unerhört bleiben…

Am Morgen des 24. erwachte Luise zum Geräusch prasselnden Regens. Sie schlüpfte ein weiteres mal in ihre inzwischen widerlich aussehenden schwarzen Flip Flops, die wahrscheinlich schon am 8. Januar den Weg in den Rubbish Bin finden würden und begab sich zum Fenster. Sie atmete – und riss den Vorhang auf. Schwarze Wolken. Regen. Sturmregen. Wind. Würde die Tour bei diesem Wetter überhaupt stattfinden? Sie würde. Nicht zuletzt musste sie es wenigstens herausfinden, denn immerhin hatte sie 135 Dollar dafür bezahlt. In ihrem neuen Kleid mit dem Ausschnitt ihres Lebens machte sie sich auf zum Reef Fleet Terminal, um einzuchecken. „Good morning little lady, how´s it going? You´re on for the tour on Ocean Free?”  Ein kleinlautes Ja die Antwort, ein schmetterndes “So – lovely weather, isn´t it?“ lautete die Response. Die Tour WÜRDE also stattfinden. Nun gut, warum nicht, es gäbe – auch auf einem Segelboot für 20 Leute – mit Sicherheit ein überdachtes Plätzchen. Außerdem hatte sie den Bikini unter dem Kleid und Kleider zum Wechseln dabei, ein bisschen nass werden war also durchaus drin. Mit Seekrankheit hatte sie auch noch nie Probleme gehabt. Tausende Schifffahrten lagen bereits hinter ihr… Aber diesmal sollte alles anders kommen. Captain Scotty sollte Recht behalten: Dieser Tag würde DEFINITIV der Tag werden, den sie niemals im Leben vergessen würde… 
Kaum hatte sich die Crew um Scotty vorgestellt, bestehend aus Cat und Matt, spürte Luise, dass sie sich nicht allzu well fühlte. Vielleicht lag es daran, dass sie noch nichts gegessen hatte an diesem Morgen – wie an jedem Morgen eben. Frühstück war für Weicheier, Luise frühstückte selten und wenn artete es zum Bruch aus. Sollte sie also besser einen der bereitstehenden Blue Berry Muffins essen? Oder würde der vielleicht alles schlimmer machen? Sie entschied sich FÜR das essen. Was konnte ein Muffin schon anrichten? Was hatte sie zu verlieren? Einiges – wurde ihr bald klar. Unter anderem ihre Würde und son Quatsch, worauf sie normalerweise großen Wert legte. Nach 30 Minuten auf dem Segelboot konnte sie den Horizont nicht mehr sehen. Die Wellen waren zu stark, die See zu rau, Wind und Regen zu heftig. Sie saß mit 19 anderen, von denen es einigen ebenfalls weniger gut ging, unter einem überdachten Plastiketwas, unter dem es viiiiiiiiiiiiiel zu feucht und sticky-warm war. Ihr würde übel. Todesmutig ging sie an die frische Luft. Es war ihr egal, vom Regen überschüttet zu werden. Nach 2 Minuten war ihr Kleid soaked wet. Es hatte doppeltes Gewicht. Aber die frische Meeresluft, die ihr um die Nase wehte, bewirkte Wunder. Ihr Magen beruhigte sich. Sie starrte auf einen Punkt am Horizont. Sie fand das Gleichgewicht wieder. „You´re doing allright?“ tönte die tiefe Stimme von Matt gegen ihr Ohr, der gerade dabei war, das Segel in eine andere Position zu bringen. „Yeah, quite…“ Plötzlich kam das Schweizer Mädchen an Deck. Sie rannte. Sie hielt sich die Hand vor den Mund, sie war kreidebleich. Als ob sie sich über Bord stürzen wollte, schmiss sie ihren Oberkörper über die Reling und übergab sich. Die Masse, die ihren Mund verließ, wurde vom Wind in alle möglichen Richtungen getragen und nahm dabei bizarre Formen an. Das Mädchen lächelte. „Jetzt is es besser“ strahlte sie Luise an und konnte ihren Schweizer Akzent dabei nicht verstecken. Luise wollte nicht. Sie wollte nicht brechen müssen. Nicht auf dieser Tour, nicht in diesem Kleid, nicht wenn niemand dabei ist, der ihr die Haare hält. In einem unbändigen Vertrauen auf ihre Disziplin, den Horizont zu fixieren, egal wie nass sie dabei werden würde, hielt sie sich weiter an der Reling fest. Das Boot schlug hart auf die Wellen auf. Es senkte sich nach links und rechts, je nach dem, wie der Wind gerade entschieden hatte. 
Zu viel. Auf einmal war es zu viel. Sie schloss die Augen, weil sie spürte, welchen weg der Muffin zu nehmen begann. Weniger schwungvoll, aber mit Sicherheit nicht weniger widerlich anzusehen, tat sie es dem Schweizer Mädchen gleich: Oberkörper über die Reling und nach 2 oder 3 Sekunden spürte sie klebrige Blue Berry Stücke zwischen den Fingen und schleimige Brühe an ihrer Wange. Cat war zur Stelle. „There you go, some napkins and a glass of water?“ Ein ersticktes “Yes please.” Für den Moment fühlte sie sich tatsächlich besser. Sie wischte sich sauber, ihre Haare waren eh nicht mehr zu retten, also vermied sie es nicht, sich mit den unsauberen Fingern hindurch zu fahren, um sich wenigstens das Gefühl zu geben, nicht nichts für ihr Aussehen getan zu haben. 

Irgendwann waren sie endlich bei Green Island angekommen. Die Schnorchelarie sollte beginnen. Luise fühlte sich tatsächlich ein bisschen fitter, also wagte sie es nach unten ins Boot zu gehen um ihren Schmuck fürs Schnorcheln abzulegen. Schlechteste Idee ever, denn nachdem sie den Kopf wieder die Leiter hinauf streckte, leiteten sie ihre Füße direkt wieder zur Reling. Diesmal linke Seite, steuerbord oder backbord – no idea. Irgendwie kannte sie den Prozess jetzt schon. Sie fühlte die spiralenartigen Bewegungen, die die im Prozess des Verdauens steckende Masse in ihrem Inneren zu nehmen begann. Dieses mal sah und spürte sie Stücke von Reis vom Sushi am Tag zuvor ihre rechte Hand hinunterlaufen. Eine nasse Haarsträhne klebte über ihrer Nase. Von links wurden ihr Napkins und Wasser gereicht. „Sweety, get yourself INTO the water. You´ll see, you will be fine then.“ Sollte das ein Scherz sein? JETZT? Sollte sie auch noch schnorcheln gehen? Captain Scotty nahm die Sache in die Hand: Sie würde es bereuen, wenn sie es nicht tun würde. Sie sieht das Reef vielleicht nur einmal im Leben. Und Cat hätte Recht: Im Wasser sei es wärmer und ruhiger als auf dem Boot. „So get yourself undressed, baby.“ Der Klang seiner schmetterenden Worte verflüchtigte sich. Er spuckte in ihre Taucherbrille, wusch sie mit Frischwasser aus, zog sie ihr mit seinen rauen Segelhänden über den Kopf, zurrte sie eng, strich ihr mit der Kraft eines Mannes, der Segel bei Windstärke Eine-Million einholen konnte, die nassen Haare aus dem Gesicht, und stürzte sie ins Wasser. Jetzt war es auch egal. Sie dachte nicht mal mehr darüber nach, wer den Schnorchel vorher im Mund gehabt hätte, der sich womöglich ebenfalls zuvor übergeben hatte. Sie streckte den Kopf ins Wasser und für den Bruchteil einer Minute vergaß sie sogar den ekelhaften Geschmack, den sie im Mund hatte. Die Farben der Korallen und Fische waren vielleicht nicht die eines sonnigen Tages, aber sie waren dennoch die Great Barrier Reefs. Unbeschreiblich schön. Fische schlängelten sich um ihre Füße, die Algen und Korallen wiegten sich in den sanften Bewegungen des Wassers, sogar ein Hai huschte im Augenwinkel an ihr vorbei. Der Schweizer Junge, der mit dem Schweizer Mädchen da war, sollte ihn sogar fotografieren… Zurück an Bord gab es Lunch. Nicht für Luise, denn der Muffin hatte sie einiges gelehrt. Nach eineinhalb Stunden auf Green Island wollte sie dann aber trotzdem nur noch nach Hause. Sie hatte auf der Insel ein bisschen Kraft getankt. Fester Boden unter den Füßen. Eine Plauderei mit den Ashworthes, einem Ehepaar aus England. Sie kamen gut ins Gespräch und nach einer Weile luden sie die Ashworthes – Mike und Joann – für den nächsten Tag zu ihrem Christmas Lunch ein. Vielleicht hatten sie nur Mitleid mit einem armen seekranken Mädchen, das an Weihnachten weit weg von zu Hause ist, aber was sollte es? Die beiden waren nett, warum die Einladung also ausschlagen? 
Der schlimmste Teil des Tages sollte allerdings noch bevorstehen: Die Heimfahrt. Inzwischen hatte Scotty die Wettermeldungen gecheckt: Windstärke 11, raue See, Dauerregen, heftig, alles was auf See war, sollte sich vielleicht besser auf die Heimreise machen. Luise wurden Sea Sickness Tabletten verabreicht. Sie sollten den Platz IN ihrem Magen aber nicht halten können. Nach exakt 26 Minuten (was gelogen ist, weil sie niemals wieder den aweful Weg ins Schiffsinnere wagen wollte und damit auch nicht wusste wie viel Uhr es ist) hatte sie nun sogar (wenigstens wie alle anderen auch, was ein kleiner relief war) IM überdachten Bereich des Bootes schon wieder soaked wet Kleider an (die sie auf der Insel angezogen hatte) und fühlte wie sich alles um sie herum drehte. Das Segelboot segelte inzwischen in Querlage. Sie selbst saß auf der Seite, an der alle die Füße gegen den Tisch in der Mitte stützen sollten, um nicht vornüber zu kippen. Diejenigen auf der anderen Seite erlebten mit jeder Welle einen neuen Wasserfall am Hintern… Die Schwangerschaftsposition ihrer eigenen Seite jedoch machte das Horizont fixieren wieder mal unmöglich, vor allem auch deshalb weil im jetzigen Sturm GAR kein Horizont mehr da war.
Sie konnte nicht aufstehen. Mit einer heftigen Handbewegung wollte sie nach dem Mülleimer greifen, aber die Zeit in der sie ihre Füße vom Tisch nahm, kam ihr in Quere. Mit der Hand fing sie auf, was noch aufzufangen war. Blitzartig holte der rothaarige Schotte, der wahrscheinlich auch Angst um seine Beine hatte, den Rubbish Bin her, stellte ihn zwischen Luises Füße, drückte sie mit der Hand an den Schultern zurück, sodass sie nicht mit der Stirn gegen den Tisch donnern würde. Cat drückte ihr den Kopf sanft in Richtung des Eimers. Mit der anderen Hand spürte sie einen Streichler des Schweizers über ihren Rücken. Äpfel, Müsliriegel, Brot, Sonnenblumenkerne, Chicken- Avocado- Sandwichteile, weitere Reisteile, dunkelgrüne Stückchen des Materials, das um Sushi gewickelt ist. Das zumindest konnte sie nach dem fünften Schwall, der sich den Weg durch Mund und Nase bahnte im Mülleimer vor ihr erkennen. Den Geruch sollte sie auch abends noch an ihr selbst riechen können. „Is that everything for the moment?“ Cat hatte schon wieder Napkins geholt. “Not sure,” presste sie hervor. Zum Glück WAR es everything. Die restlichen eineinhalb Stunden auf dem Segelboot wollte sie sterben. Nicht so wie beim Uluru. Jetzt wollte sie sterben, weil sie wusste, dass dann der Schmerz weggeht. Sie dachte an nichts, bewegte sich nicht, hielt zitternd ihre Napkins vor den Mund und ihr Wasserglas in der Hand. Cat hatte eine Isolierdecke um sie herum gelegt… 

Irgendjemand holte ihre Tasche aus dem Schiffsinneren, als sie im Hafen angekommen ware. Sie nahm sie. Cat, Matt und Scotty standen vor dem Boot bereit. Sie zierten sich nicht, ihr die Hand zu drücken. „Madam, I am seriously proud of you. You´ve survived the Great Barrier Reef, you´ve not only experienced it.” Ja Scotty…so konnte man es auch sagen… “Sweetheart, there´s nothing to be embarrassed about and nothing to be sorry about.” Danke für die Napkins Cat… „Love, you definitely deserve a 10 for that one in the rubbish bin. I´m so glad you made it IN the bin.” Ja Danke auch Matt…wenigstens Kotzen konnte sie also erstklassig.

Die einzigen beiden Bilder...

...die an diesem Tag zustande kommen sollten...
 
13 Stunden Schlaf und ein noch immer wackliges Gefühl waren das Ergebnis ihrer Great Barrier Reef Tour. Am Morgen des 25. wachte sie auf und musste sich fast schon beeilen, um nicht zu spät zum Christmas Lunch bei den Ashworthes zu kommen. Beeilen ging aber irgendwie nicht. Ruhe und Frieden und keine schnellen Bewegungen bitte. Der Tag bei den Ashworthes war dann aber definitiv eine der besten Erfahrungen in ihrer ganzen Australienzeit. Mike und Jo kochten Beef mit King Prawns, Salat, Kräuterbrot, danach Lemon Tarte und Fruit Pies zum Desert. Ein bisschen Weihnachten sollte sie also doch noch erleben. Sie redeten über Gott und die Welt und vor allem über die Tour gestern. Auch Jo fühlte sich schlecht, aber wenigstens musste sie sich nicht übergeben. Mike fühlte mit mir. Und er verbot Jo im Laufe des Gesprächs weitere Botstouren auf ihrer Australienreise zu buhen. Er selbst sei kurz davor gewesen sich auch zu übergeben gab er zu… Ein 37jähriger gestandener Mann. Irgendwie beruhigte Luise das. Nach dem Essen luden sie Luise sogar noch zum Christmas Relaxing ein. Bei ihnen zu Hause macht man das immer so. Nach dem Essen gucken alle zusammen einen Film und chillen. Die Antwort lautete definitiv ja und so verbrachten die 3 einen gemütlichen Nachmittag mit einem Film für 19.95 Dollar vom Harbour Lights Hotel, das nebenbei ganz danach aussah, als ob Mike und Jo nicht wenig Geld verdienen. Immerhin war es ein Appartment Room mit eigener Küche. Noch dazu.

...irgendwie war an diesem Tag ziemlich schwer zu atmen...

Jo und Mike Ashworth
 
Schmerz musste mit Schmerz bekämpft werden. Luise sagte sich diese Worte vor wie ein Gebet. Immer wieder. Immer wieder. Als sie das Boot betrat, atmete sie kurz und schell. Ruhig bleiben. Das ganze war wie Muskelkater: Man musste trotzdem Treppen steigen, egal wie weh es tut. Sie würde nicht ihr Leben lang Angst vor Wasser und Schiffen haben wollen. Also war es mehr als angebracht die Selbstheilungskur zu starten. Sie hatte die Tour sowieso schon bezahlt, also wäre jegliches Davor-Drücken nur hinausgeworfenes Geld gewesen. Sie wurde begrüßt. „Welcome on board. The Crocodile Explorer Team is happy to have you here, please feel free to ge yourself some coffee and fresh fruit.“ Ein winziges Stückchen Ananas fand den Weg in ihren Magen, dann ging sie zu einem Platz an dem sie möglichst viel Horizont sehen konnte und betete. Wie besessen murmelte sie vor sich hin. Ruhig bleiben. Atmen. Sie musste an ihre Mutter denken. „Wenn du Angst davor hast, die Krankheit zu kriegen, dann kriegst du sie auch. Sei unbeschwert.“ Sie gab ihr bestes. Zumindest nieselte es heute nur und regnete nicht Sturm. Das Boot bahnte sich seinen Weg. Zum Glück nicht hinaus aufs freie Meer, sondern hinein in die tropischen Mangrovenwälder. Irgendwann war ihr klar, dass ihr nicht übel werden würde. An einem gewissen Punkt hatte sie es überstanden und sie wusste es. Ein spannendes Gefühl der Sicherheit. Plötzlich, als Captain Andrew am Uferrand auf ein freilebendes Krokodil zeigte, vergaß sie sogar, warum sie so vorsichtig war. Aufregung packte sie auf einmal. Jetzt erst wurde ihr bewusst, was sie heute machen würde. Krokodile angucken. RICHTIGE Krokodile. Keine Zookrokodile. Auf einer Farm. Ihr Gemüt lichtete sich. Wie ein kleines Mädchen bestaunte sie jetzt die faszinierende Schönheit der Mangroven, die matschüberzogenen Krokodile, die lustigen Vögel. Bald legten sie am Ufer der Farm an. Ein Bus holte sie ab. Aufgrund des Regens, der wieder stärker wurde, sollte die Tour IM Bus stattfinden. Schade, aber bei der gleichzeitig erhöhten Moskitogefahr war sie sich ohnehin nicht sicher, ob sie den Bus verlasse hätte wollen. Der Fahrer beantwortete geduldig all ihre Fragen: Die Krokodilhäute sind circa 28000 Dollar wert, die Krokodile werden mit einem Schuss in den Kopf getötet und dann gehäutet, die Häute werden getrocknet gesäubert und dann verkauft. Das Fleisch geht an Restaurants in ganz Australien. Die Krokodile werden aber nicht auf gut Glück. Vorher müssen sie bestellt sein. Ein Gucci-Männlein muss vorbeikommen, 40 Häute für 10 Taschen bestellen und DANN erst werden die Tiere getötet. Im Shritttempo bahnten sie sich ihren Weg durch die Farm, über die überfluteten Wege. Als die Wolken am Himmel dunkler wurden, fühlte sie sich wie auf einer Tour durch de Jurassic Park. Sie konnte nur beten, dass die Zäune intakt bleiben würden… Sie hätte zwar vielleicht nichts dagegen gehabt mit Sam Neill auf einem meterhohen Tropenbaum aufzuwachen, aber auf das Niesen des Arachnosaurus (?) konnte sie verzichten…
Der Regen wurde immer stärker. Irgendwann wurde beschlossen nicht mehr das Boot zurück zu nehmen, sondern die Passagiere im Bus nach Hause zu fahren. Das Wetter war weiß Gott nicht auf ihrer Seite. Als kleine Entschädigung schlenderte sie an diesem Abend noch einmal über den Nachtmarkt, der bereits NACHTS um halb 6 startete. Irgendwie dachte sie über die Farm nach. Was war das denn eigentlich? Eine Farm auf der ABSICHTLICH Krokodile gezüchtet werden, nur um einer neureichen Tussi ihre Handtasche zu liefern? Andererseits würden irgendwelche Wilderer die Natur verpfuschen, wenn es diese Farmen nicht gäbe… Und wir sollten tatsächlich die Krone der Schöpfung sein? Die Krone, die der Schöpfung selbst die Zacken ausbrach, oder was…?! 








 
Nachdem sie der ganzen Jewellery erfolgreich widerstanden hatte, gönnte sie sich Prawn Spieße auf einem Barrmundibett, served with Turkish Bread. Das sollte also Cairns sein. Eine Stadt, die ihr den Hals zuschnürte, mit der sie aber auf irgendeine geheimnisvolle Art und Weise in liebender Verbindung stand. Sie wusste, dass Hass und Liebe nah beieinander lagen. Aber SO nah? 





Langsam besserte sich ihr körperlicher Zustand wieder. Weihnachten war vorbei. Sydney stand als nächstes an. Sie wusste noch nicht ob sie tatsächlich eine Hafenrundfahrt wagen wollen würde…

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