Freitag, 14. Januar 2011

Kurz und innig – die Liaison mit Canberra


Der Sonntagmorgen in Sydney fühlte sich nicht an wie einer. Immerhin war er alles andere als Easy. Auch die weichen Klaviertöne der Commodors hätten da nicht helfen können. Zunächst einmal begann er viel zu früh. Wer steht bitte an einem Sonntagmorgen um halb 7 auf? Also – wenn er nicht gerade Ghostbusters und Bugs Bunny auf Kabel 1 gucken will?

Kurzum, es war einen Tick zu früh für Luise. Mit Augen so groß (nein klein) wie Barbiehausbriefkastenschlitze machte sie sich auf den Weg ins Bad, während Robert seine Wohnung auflöste. Um halb 9 musste er ausgezogen sein – also aus der Wohnung ausgezogen ;-) Ein fast letztes mal wandte sich Luise dann ihrem verdammten Backpack zu, der sich – da die Dreckwäsche inzwischen wieder unten bei den Schuhen zusammengestopft war – am oberen Ende wieder bequem zuschnüren ließ. Ruhig bleiben. Bald, bald, BALD! würde sie keinen Backpack mehr brauchen. Und WENN sie eins gelernt hatte, bei dieser Reise, dann das, dass es für sie als Tussimädchen nämlich überhaupt nicht „much easier“ war, ihren stuff einfach in nen Backpack zu packen. Wer kann darin bitte was finden, wenn er sich nicht vorher aufgeschrieben hat, was unten, was in der Mitte und was oben liegt? Außerdem tat es den edlen Stöffchen nicht unbedingt gut, zu Röllchen zusammengeknüllt zu werden…  Fazit, Luise würde nie ein Backpacking-Fan werden. Was ihr im Moment leider auch nicht half, denn irgendwie musste sie den bescheuerten Rucksack ja auch noch zur Bushaltestelle bringen. In Wahrheit war diese 5 Minuten entfernt. Mit Backpack 500 Jahre. Und diesmal konnte sie nicht mal Robert missbrauchen, um ihn zu tragen, denn der hatte ja seinen eigenen (der ganz nebenbei für ein Jahr nicht so viel wog wie Luises für einen Monat :-D ). Im Schweiße ihres Angesichts (im wahrsten Sinne des Wortes, immerhin waren schon morgens um 9 siebenundzwanzig Grad) schleppte sie ihn also hin. Auf dem Weg – und man beachte: am ENDE ihrer einmonatigen Reise – erklärte Robert ihr dann auch endlich mal, wie man den Rucksack überhaupt trägt: „Den Hüftgurt so eng schnallen, dass es richtig scheiße aussieht.“ Konnte sie das mit sich vereinbaren? Sie hatte keine andere Wahl, ansonsten wäre sie nach 300 Metern nach hinten umgekippt und wie ein hilfloser Käfer auf dem Rücken, mit allen Beinchen von sich gestreckt, liegen geblieben. Immerhin brachte sie diese Erkenntnis auf eine weitere: Sie war während der 4 Wochen Quer-(naja, eigentlich längs)-durch-Australien-Reise niemals gezwungen gewesen, ihren Rucksack weite Strecken selbst zu tragen. Irgendwie gab es immer jemanden (Terry bei Melbourne-Adelaide, Luke, Steve, Koen, Oliver bei Adelaide-Alice, Ben bei Cairns, Robert bei Sydney, immernoch Robert+sein Vater bei Canberra), der das für sie erledigte… Glück gehabt :-) 

Irgendwann waren sie tatsächlich mitsamt ihrem Gepäck (was ja zu allem Überfluss nicht nur aus dem Rucksack bestand…) bei der Sydney Central Station angekommen, wo Roberts Eltern mit ihrem eigenen Gepäck schon warteten. Um 12 Uhr sollte der Bus nach Canberra gehen. Konnte man das Gepäck irgendwo abstellen, bevor man frühstückte? Man konnte – für 8 Dollar das Stück. Bei 2 Koffern, 2 Riesenrucksäcken und gefühlten 2 Milliarden Taschen war das unmöglich tragbar. Mental dieses mal. Physisch war es dann doch irgendwie tragbar, weshalb Familie Cramer plus Anhang Ritter wieder den Hüftgurt so eng schnallten, dass es scheiße aussah und zum nächsten Café marschierten, wo es gutes Frühstück für zusammengerechnet weniger Geld gab, als wenn die Koffer abgegeben worden wären. Knappe zwei Stunden lang genossen sie alle zusammen das wohlige Wuseln Sydneys zu Zeiten des Jahreswechsels. Bananenbrot war eindeutig etwas, das Luise mit nach Deutschland bringen würde. Vielleicht gab es ja sogar ein Rezept, sodass sie es selbst backen konnte? 


 
Es ging gen 12 und schon wieder mussten die Gepäckstücke von A nach B kommen. Irgendwann saßen tatsächlich alle im Bus. 10 Minuten Verspätung, aber no worries. Wir sind in Australien, also lean back. It´s going to be an amazing ride :-)

In der Tat: Dauerte ja auch nur 3 Stunden. Quasi ein australischer Katzensprung. Sonntagnachmittag kamen sie also in Canberra an und kaum hatten sie einen Fuß in die Hauptstadt Australiens gesetzt war klar: Diese Stadt ist anders. GANZ anders. Irgendwie nicht sehr städtisch. Sondern eher… „geplant.“ Natürlich gab es das Wissenschaftsfeld der Stadtplanung, Luise wusste das, immerhin hatte sie in dieser Klausur damals die Orientstadt falsch zugeordnet und deshalb nur 12 Punkte gehabt. Nein, SO meinte sie es auch nicht, das mit der Planung. Canberra…war nur nicht…so pulsierend, so sprudelnd, so spontan wie die anderen Städte, die sie bis jetzt erlebt hatte. Es lag da mit einer gewissen edlen Einfalt und stillen Größe. Sehr klassisch eben. Geplant. Und irgendwie hatte Luise auf einmal das Schema des klassischen Dramas vor Augen. Und irgendwie schien sich der Verlauf ihrer Reise perfekt einfügen zu können: Exposition, Problemdarstellung, langsamer Aufstieg, tragischer Wendepunkt, Anagnorisis, langsame Lösung… die Katharsis sollte sie hoffentlich in Melbourne spüren können (was sie tut, Realzeit und Blogzeit stimmen nämlich gerade nicht überein ;-) ) Sie weigerte sich, Canberra als Handlungsabfall zu bezeichnen. Dieser Ausdruck war ihr schon seit jeher zu pejorativ besetzt. Ein gutes Drama brauchte eine langsame Handlungsentspannung. Von „Abfall“ konnte keine Rede sein. Ganz abgesehen von dem Punkt, dass es sie freute, ihr Leben in germanistischen Maßstäben messen zu können, fand sie Gefallen an Canberra. Klitzekleiner Negativpunkt waren die beiden Sonntage, an denen sie es besuchte. Eigentlich war einer der Sonntage Montag, aber da der 1.Januar aufs Wochenende fiel und sich die Australier ihre Feiertage nicht nehmen lassen, wurde beschlossen kurzerhand den Montag zum Feiertag zu machen, weshalb montags ebenso wenig los war wie sonntags, respektive vieles geschlossen hatte und die Busse seeeeeeeeehr unregelmäßig fuhren. 

Ein Glück machte die Politik niemals Pause… Regiert wollen die Menschen immer werden, weshalb auch an einem Feiertag montags erst mal das Parlament auf der Tagesordnung stand. Nix mehr mit Großstadtfeeling. In Canberra kuscht man mit respektvoller Ernsthaftigkeit. Aber da wir ja alle wissen, dass das Leben zu wertvoll ist, als dass man es ernst nehmen könnte, sollte das nicht so bleiben… Jeder durfte mal mit der Queen sein Späßchen machen. Und getreu dem Mottos der „Pessi-Lu“ (Insider, i know, aber nicht schwer rauszukriegen…wie ist das Glas von LU-ise? Halb leer… was ist sie deshalb? PESSI-mist… was ergeben die großgeschriebenen Buchstaben??? Tadaaaaaaa…) ließ sie den ernsten Klos raushängen… Auf diese Idee kam sie aber auch NUHUUUUR: Weil ihr Schal so ähnlich aussah wie das Tuch der Queen und welche Frau träumt bitte nicht davon Königin zu sein??? Böse gucken hatte sie schon früh von ihrem Vater gelernt, sodass diese Ernsthaftigkeit nur ihr gutes Recht war :-D


Avocado on Toast würde sie auch mit nach Hause nehmen ;-)




Es ist ein Teppich - in der Tat :-D




Wo sich Kangaroo und Emu Gute Nacht
sagen :-D



Für die, dies noch nicht wissen: Die Tasche
ist kaputt - nur deshalb hängt sie so
unmotiviert rum...





 
Ganz abgesehen davon gab es ja auch noch den australischen Patriotismus zu respektieren. Und der machte sich in Canberra an allen Ecken und Enden bemerkbar… Die Frage war nur: Was war denn eigentlich ein Australier??? Diese Frage stellte sich Luise spätestens beim Anblick der Botschaft der indigenen Bevölkerung. 

Und diese Frage würde sie begleiten. Das war ein Feld, das sie für sich noch nicht erschlossen hatte. Der Besuch der Aboriginegallerie brachte sie nicht unbedingt vorwärts. Bemerkenswert, dass sich die Australische Regierung 2008 (!) bei der indigenen Bevölkerung für ihr Fehlverhalten entschuldigt hat… aber was änderte das an den Tatsachen? Alice hatte ihr gezeigt, dass Aborigines alles andere als integriert sind. Die Touristen am Uluru hatten ihr gezeigt, dass Respekt für die indigene Bevölkerung und ihre Heiligtümer für viele ein Fremdwort war. Es war ein Spiel aus Abgrenzung und Integration, was sie zurückwarf zu den Definitionen von Kultur. Warum begreifen wir dieses Konzept als trennendes Merkmal? Warum nicht als vereinendes, was uns Respekt, Zusammenhalt und Verständnis lehren kann?






Sie würde das noch einmal überdenken müssen, wenn sie wieder mehr Ruhe hatte. Diese fehlte ihr im Moment nämlich, denn die Exponate des National Museums – in dem sie inzwischen angekommen waren – drohten, sie mit einem Gehirnoverflow zu überwältigen – und das obwohl sie vorher einen Chicken Pie gegessen hatte. Wahrscheinlich hatten die ganzen Ernährungsexperten doch Recht und schweres Essen macht das Gehirn träge? Nein, oder zumindest nicht unbedingt. Robert und seine Eltern waren auch etwas überfordert und die hatten nur Kuchen gegessen :-D Was nicht hieß, dass dieses Museum nicht spannend gewesen wäre. Im Gegenteil. Es war schlicht und ergreifend nur ZU viel. Was im Umkehrschluss ja aber auch nur wieder heißt, dass Australien ein Land von unendlichem Reichtum (in welchen Bereichen auch immer) ist. OK geschichtlich vielleicht nicht unbedingt. Obwohl die Australier da so ähnlich waren wie die Amerikaner. Luise lag es fern, sich hier irgendein ungerechtfertigtes Urteil zu bilden. Aber sie zitierte gerne eine Dame aus Melbourne, die ursprünglich aus Tasmanien stammt und die sie in den nächsten Tagen beim Frühstück treffen sollten: „I mean, we Australians cannot tell you Germans about history. When we see a building from 1860 it´s old for us, whereas your buildings…Oh my goodness.“ Was nicht heißt, dass Australien keine Geschichte hätte. Ach, wie auch immer. Seit der 9. Klasse hatte Luise ja sowieso ein etwas gespanntes Verhältnis zu diesem Wissenschaftsbereich, was vornehmlich an einer gewissen Topfschnitt-frisurigen Lehrerin lag, bei der es nur Punkte auf auswendig gelernte Jahreszahlen gab. Aber ihr Bruder arbeitete an dieser Misere…




Auf dem Nachhauseweg half Robert diesem netten Asiaten...

...sein Abendessen zu fangen :-D
 
Die Affäre mit Canberra war damit auch schon beendet. Aber vielleicht waren die besten Affären diejenigen, die ein jähes Ende fanden, ohne dass sich die Liebenden ein langes Auf Wiedersehen gewünscht hätten? Immerhin blieb der Abschiedsschmerz damit vergleichsweise gering. Darüber hinaus wussten beide nicht ob sie sich je wiedersehen würden, was zugegebenermaßen einen gewissen Reiz ausübte… Ganz darüber hinaus war es so besser für das Ende ihrer Reise. Wäre Sydney das Ende gewesen, wäre sie wehmütig nach Melbourne zurückgekommen. So lag etwas schmeichelnd vertrautes vor ihr…

Am Dienstagmorgen wurde Luise ein letztes mal von der Backpackrealität eingeholt – die ihrem fulminanten Finale entgegenlief. Vom YHA (warum sagen die Australier eigentlich HHHHHHäitsch zu äitsch?) Central Canberra ging die Taxifahrt zur Bahnstation, wobei sich Luise plötzlich fühlte wie in einem gewissen Roman eines gewissen Adrian P.: Das Taxi roch nach Urin. Sie wollte den Kopf, nein den Rumpf, aus dem Fenster strecken, um atmen zu können, aber es gab kein Entrinnen. Sie hechelte kurz und heftig. Wer zum Teufel hatte stadt-geplant, dass der Bahnhof in Canberra schon nicht mehr in Canberra lag??? Sie sollte auch das überstehen. Jetzt nur noch das Gepäck aus dem Taxi raus, in den Bus rein (in dem es gefühlte minus 18 Grad hatte, weshalb sie sich gezwungen sah, sich mit ihrem Schal zur Aischa zu machen…), vom Bus raus, zur hogwartsähnlichen Zugstation in Cootamundra, in den Zug rein, aus dem Zug raus… 



…und da lag es vor ihr. Das Wellendach der Southern Cross Station erhob sich so majestätisch vor ihr wie das strahlende Bild der gleichnamigen Sternenformation. Es war zwar nicht dunkel, aber ihr Herz leuchtete auf. Ihre Augen funkelten und spiegelten das Marineblau des Eureka Skydecks, das sich zwischen all den Hochhäusern erhob. 

Melbourne. Endlich sahen sie sich wieder. 



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