Mittwoch, 19. Januar 2011

I get no kick from champaign...

Endlich bog sie um die Ecke. Keuchend quetschte sich Luise mit ihren Taschen und Tüten an dem dicken Straßenmast vorbei, der das Straßenschild ihrer innersten Sehnsüchte trug. Louisa Street.


Ihr Backpack fühlte sich plötzlich federleicht an. Die Tatsache, dass es nicht mal mehr 20 Schritte waren, beflügelte ihre Körperkräfte. Das Haus lag still da. Die abendliche Sonne war bereits dahinter verschwunden, aber trotzdem war der Kontrast der grünen Büsche und magentafarbenen Blumen im Vorgärtchen ein deutliches Zeichen dafür, dass die Sonne an diesem Tag von keinem Wölkchen verdeckt worden war.


Sie ging auf die Tür zu. Im Nachbargarten wurde gegrillt. Endlich kramte sie den kleinen blauen Schlüssel an seinem quadratisch-pinkfarbenen SBS-Schlüsselanhänger aus ihrem Geldbeutel hervor, der sie ihre ganze Reise darüber erinnert hatte, dass ein nettes Heim auf sie warten würde, sodass sie den Dreck und den Schmutz der Hostels ertragen konnte. Luise öffnete die Vortür. Etwas unbeholfen stand sie nun mit Backpack, Taschen, Tüten und keiner dritten Hand zwischen Vortür und Haupttür. Aber an dieser lächerlichen Schwierigkeit durfte sie jetzt nicht scheitern. Sie lächelte ob dieser schwachsinnigen Situation. Mit Händen und Füßen schaffte sie es den kleinen blauen Schlüssel in sein Schloss zu führen. Sie drehte ihn um, drückte vorsichtig die Tür nach innen.
"Hello?"
Keine Antwort. Das Haus begrüßte sie mit Stille. Und dem Duft von Sandelholzräucherstäbchen aus dem Badezimmer. Die Miniaturfeuer der Räucherstäbchen waren gerade erst gelöscht worden. Wer auch immer das Haus nicht vor allzu langer Zeit verlassen hatte, würde also noch ein Weilchen wegbleiben. Luise wusste, dass Helen - ihre Vermieterin - in Urlaub sein würde, wenn sie am 4. Januar hier ankommen würde. Aber trotzdem hatte sie doch von jemandem gesprochen, der sie erwarten würde?
Sie stellte ihren Backpack in ihr Zimmer, von dem sie bereits wusste wo es sich befand und begab sich auf eine Entdeckungsreise in dem friedlichen alten Haus.








Im Garten wuchsen Tomaten, Salat und Gurken, welche sie in den nächsten Tagen zu essen autorisiert werden würde. Die Waschmaschine in der Laundry hatte verschiedene Waschgänge, von denen drei mit warmem (!!!) Wasser liefen. Die Teppiche sahen so ähnlich aus wie zu Hause, was sie zu der Frage brachte ob ihr Bruder jemals so viel verdienen würde, um sich einen Perser zu kaufen? Kam auf seine Forschungsartikel an... Die Spülmaschine gab ein leises Brummen von sich. Die dicke Katze Mini lag auf dem Rücken vor der Verandatür und gähnte. Sie war keineswegs beeindruckt von dem Neuankömmling. Luise ging auf sie zu, streckte vorsichtig ihre Hand aus und wartete. Mini nahm das Angebot an. Sie setzte sich auf, schmiegte ihren Kopf an Luises Hand und ließ sich streicheln. Leise begann sie zu schnurren. Das Glöckchen um ihren Hals klingelte sanft zu dem gurgelnden Vibrieren des Ortes an dem Katzen ihr Schnurren erzeugen (where the bloody hell...?!), was sie an ihren Vater erinnerte: "Wer hängt der Katz die Schelle um?"




Ab diesem Zeitpunkt hatten sie ihren Schmusepakt geschlossen...
Luise ging weiter. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel. "4. Jan.: Louise arrives. She has a key and knows the house. No worries. Helen."  Irgendwie wurde sie also doch erwartet. Schönes Gefühl. Sie ging zurück in ihr Zimmer. Ein bisschen schleifend öffnete sich die Tür.





Das Bett war zurechtgemacht. Der Fernseher funktionierte. Der Kaminsims war geputzt, kein Staubkörnchen war zu spüren. Sie atmete, kämmte ihre Haare, steckte sie nach hinten weg. Sie zog die Socken aus, setzte sich aufs Bett. Sie ließ ihren Blick kurz umher schweifen, sah ins Zimmer, das sie bald mit all ihren Sachen belagern würde.
Sie ließ sich zurückfallen ins Bett.

Ich war zu Hause.



Melbourne empfing mich denn auch unerwarteterweise mit strahlendem Sonnenschein. Keine Ahnung warum, wahrscheinlich hatte ich es einfach verdient. Irgendwann musste ja mal das kommen, weswegen mich alle beneideten: Der australische Sommer. Uuuuuuuuuuuuuuuhhhhhhhhhhhhhhh. Tja ja, so viel hatte ich von ihm ja noch nicht gesehn, im Gegenteil, ich bereute es ja geradezu, nicht meine ganzen Herbst-/Winterröcke mitgenommen zu haben. So hatte ich nur den einen blöden schwarzen Taillenrock. Und wenn man nich chic weggeht, sieht der ja auch en bisschen overdressed aus.
However, wir hatten das ja jetzt schon zu genüge. Ich freute mich also einfach mal meines Lebens und genoss, dass die Sonne so sehr brannte, dass ich in den nächsten Tagen schon wieder Sonnenbrand haben sollte. Melbourne war so schön wie eh und je. Als ich wieder zurückkam zur Flinders Street Station und die selstam-architektonisch-geformten-aber-deswegen-ja-nicht-unintressanten Gebäude des Federation Square wieder vor mir lagen, wusste ich wo ich städtetechnisch hingehörte. Sydney war die aufregend heiße Blondine, die das Blut in Wallung brachte und die jeder in seinem Leben mal geküsst haben sollte, aber Melbourne war die tiefgründige Brünette, die rassige Schönheit, die Antworten auf die ungestellten Fragen des Lebens gab, die einen so sehr im Inneren quälen. Melbourne war die Erwiderung auf die schmerzende Gewissheit der Einsamkeit, Melbourne war das Zurückgewinnen der verlorenen Hälfte, Melbourne war purer Ausdruck von Macht und Mut. Man merkt, dass ich verliebt bin, oder?
Es konnte also weitergehen. Die Fragen, die ich von meinen Reisen mitgebracht hatte, die Lektionen, die Erfahrungen, all das, so hatte ich plötzlich das Gefühl, würde ich jetzt, in diesem meinem Heim in Brunswick entspannt überdenken können. Ich würde hier gut leben können. Ich hätte hier endlich zum ersten mal das Gefühl ein normales Heim zu haben.

Die nächsten vier Tage wollte ich aber dann doch lieber noch ein bisschen Urlaub machen. Ich hatte es ja sowieso verpeilt und dachte ich würde erst am 8. Januar zurückkommen. Warum also nicht noch ein Weilchen relaxen? Robert und seine Eltern waren auch noch ein bisschen hier bevor sie weiterfuhren gen Tasmanien, wieso also nicht tun, als hätte ich gar nichts zu tun? Gesagt, getan. Naja. Fast. Zuerst mal musste ich meine Wäsche waschen, von der ich genug hatte. Irgendwie empfand ich das aber nicht mal als stupide Hausarbeit. Ich hab in der Laundry getanzt, als die roten Wüstensandflecken aus meinem romantisch-verträumten weißen Esprit-T-Shirt raus waren und Handstände gemacht als die ganze Wäsche endlich mal wieder nach gewaschen roch, sodass ich ihr wieder meinen individuellen Duft von Lacoste "Touch of Pink" geben konnte, welches ich - nachdem ich ja auch meinen Koffer wieder hatte - ebenfalls wieder zu meinem Besitz rechnen durfte. Bei vier Stunden Bügeln hab ich dann noch mein Leben überdacht und kam zu dem Schluss, dass das leben eigentlich ne ziemlich coole Sache ist. ES GIBT EIN BÜGELBRETT IN DIESEM HAUS!!! Und ja, ich bügle auch Unterwäsche. Einfach weils netter aussieht am Hintern :-D
SO.
Was hab ich dann gemacht. Wie gesagt, nur so dies und das. Wir warn zum Beispiel im ACMI-Filmmuseum, in dem ich noch nie war, obwohl ich jeden Tag nach der Arbeit bei SBS hätte runtergehen können... Hmm...Dort haben Robert und ich bissle Quatsch gemacht. Sowas kam dabei raus:



Außerdem war ich mit Cramers zu ihrem Hochzeitstag nett essen. Ich wurde sogar eingeladen, was ich seeeeeeeeehr sehr großzügig und lieb fand. Jamie Olivers Fifteen hatte leider geschlossen, sodass wir uns mit einem italienischen Restaurant zufrieden geben mussten. Der Wein war Hammer, der Gastraum zu klein, mit den Toiletten hätts in Deutschland keine Lizenz gegeben, aber der Abend war toll. Danach warn wir auf den Suzuki Night Markets, wo ich sofort beschlossen habe, dass ich da nochmal hin muss... Am nächsten Tag war Abschied dann schon wieder ein schweres Schwert, respektive Schaf, denn heute war der Tag an dem ich meinen Robert ziehen lassen musste. Würde ich noch drei Monate in Australien leben können, ohne dass er da ist und mir verbietet vorzeitig heimzufahren? Ich müsste wohl... Jedenfalls beschlossen wir, das ganze so nett wie möglich zu gestalten. Mittags löste er endlich sein Versprechen ein, mit mir in Harry Potter zu gehen. Kein Schwein in Australien wollte mit mir in Harry Potter gehen, als er anlief. Jetzt musste ich Robert dazu verdonnern. Dann trafen wir seine Eltern, waren schon wieder essen, schon wieder italienisch, aber um Klassen besser, denn Lygon Street - ABER: der Knüller an dem Tag war, dass es endlich warm genug war, mein schweineteures Geburtstagskleid zu tragen!!! Oh Gooooooooooooooott... Natürlich ist mir jetzt erst aufgefallen, dass ich gar nicht den richtigen Gürtel dafür eingepackt hatte, sodass ich den unpassenden 80er-Gürtel meiner Mutter drüberziehen musste, welcher ja eigentlich totaaaaaaaal was hermacht und von welchem ich auch eigentlich gar nicht sagen darf, dass er meiner Mama gehört, weil er inwzischen mir gehört ;-). Aber er passte eben nicht zu diesem Kleid. Hm, nun ja, lief schon irgendwie. Aber das Kleid ist noch immer ein 1,63-langer-maßgeschneiderter Traum aus waschbarer Viskose... Ich kann nich mehr schreiben...Ich muss es aus dem Schrank holen und nochmal angucken...
Ok, danach warn wir in unserer Lieblings-so-ähnlich-wien-Stadtstrand-Bar und haben den Lemon Lime and Bitters unseres Lebens getrunken (naja, meines Lebens, weil: einfach nices Getränk :-) ) und dann hab ich meinen Wolf Blass Wein, den ich in Adelaide entdeckte, gekauft und hab Robert en bisschen schwindlich gemacht ;-) Nein mein Herz, hab ich nicht. Quintessenz, wir haben einfach nen Wein getrunken und uns beide gefreut, dass Australien uns dazu gebracht hat, dass wir ein Stückchen des Weges des Anderen mitgehen durften... Und es is ja nicht so, dass er dann aus der Welt ist. Düsseldorf is umme Ecke und ich hab schon (ohne dass sie es weiß...) Franzi dazu verdonnert ihre Freundin Lisa in Wülfrath zu besuchen, sodass sich die Reise nach da oben auch lohnt ;-)

Im...

...Filmmuseum gabs auch nen kleinen Luise-Film ;-)


I know: Kindskopf...

Es IST ein Traum, oder?!

Stadt-Strandbar...

So und jetzt??? Jetzt ist der 19. Januar. Inzwischen hab ich mein neues Praktikum angefangen. Und natürlich will da jetzt jeder was drüber wissen. Blöd nur, dass ich vielleicht erst versuchen sollte, meiner Impulsivität Einhalt zu gebieten und mir erst dann en Urteil bilden sollte, welches die Öffentlichkeit erfahren darf, wenn ich objektiver sein kann??? Internetöffentlichkeit und sowas?! Also, soll heißen, ich sag bald wie es is. Der Anfang warn bisschen ungeschickt, weil ich dachte Raabs (Chefs) sind noch in Urlaub, warn sie aber gar nicht, sondern sind erst diese Woche, sodass ich auch irgendwie verwirrt war... Und ihr wisst ja wie das is, wenn Luises Plan nich klappt :-P
Nö, aber alles in allem is erst mal alles super ;-) Ich war am Montag bei den Australian Open, hab zwar keine Ahnung von Tennis, aber die Stimmung war einfach Bombe, sodass man irgendwie doch Tennisfan war am Ende. Meinen Bericht fand Claudia (Chefin) dann auch noch gut, sodass ich nix - absolut nix und das is selten - zu meckern hatte :-) Ich hab mich in meiner Euphorie dann sogar von dem seltsamen Securitymenschen, der en Bild von mir machen sollte, in seiner grellgelben Jacke, dazu verleiten lassen, seinen Angaben zu folgen, welche besagten, ich solle meine Euphorie ins Bild tragen:


Hat geklappt oder?!
Joa, inzwischen - das sieht man auch auf dem Bild - is es wieder schweinekalt in Melbourne. Und ich hatte an dem Tag auch noch meinen Schal vergessen -.- . Mütze is in der Tasche. APROPOS TASCHE: Da musste ich ja auch ne neue kaufen. Son Schmarrn, weil eigentlich BRAUCH ich doch gar keine Taschen. Ich brauch Jacken, Kleider, T-Shirts, Unterwäsche, Schuhe, Hosen, Röcke, Cardigans, Pullis, Tops aber keine Taschen!!! Half aber alles nix, meine war nämlich einfach nur noch Schrott. Und als ich dann dieses Modell hier gesehen habe

dachte ich: Warum eigentlich nich?! Irgendwie romantisch...Dann hab ich mich vorm Spiegel so lange gedreht bis sogar die Verkäuferin genervt war und dann hab ich mirn Ruck gegeben...
Ja, und sonst, ich lebe halt. Brunswick is MEIN Suburb, ich muss immer wenn ich nach Hause geh an den ganzen Brautkleidergeschäften stehen bleiben und mir ausmalen wie oft ich heiraten muss, um jedes, das ich schön finde, einmal tragen zu können...Ich bin inzwischen bei circa fünf mal. Kann man denn auf dem Standesamt auch ne riesen Robe tragen? Hmm... Ich muss da nochmal sinnieren. Und das kann ich übrigens ziemlich gut in folgendem kleinen Café, das ich entdeckt hab: Green, völlig unauffällig, ich geh regelmäßig dran vorbei und frag mich dann wo mein Café geblieben is.



Ziemlich nett da. Sehr bohémien... Wie ich halt, ne?! ;-) Im Moment atme ich die Luft eines Freischaffenden, der bei Käffchen und Erich Fromm per SMS und Email seinen Tag regelt und im Inneren die Aufgeregtheit eines kleinen Kindes an Weihnachten spürt. An DEN Weihnachten, an denen es den Barbie-Pferde-Luxus-Trailer gab. Nur um der Aufregung und dem kleinen Glück, das ich fühle, ein Maß zu verleihen ;-)

Ergo: Ich bin grad zufrieden. Coole Sache. Klar will ich heim, aber passt schon. Helen, die ich inzwischen kennengelernt hab und sehr mag, hilft mir auch. Wir erzählen immer über ihren Bücherclub in den sie jeden Mittwoch geht. Im Moment lesen sie ne Schnulze aus Nepal. Helen findet sie schrecklich. "I can´t waste my time reading such shit books now that I´m older..." ;-) Helen is sehr gebildet. Und mag Tübingen, weil sie ja mal da war. Ich mag TÜ auch... Und da fällt mir grad ein: MEIN Bad in TÜ is nich halb so chic wie das hier! OMG... Ich muss noch mehr Blumen reinstellen, dann passts vielleicht...
So und am Montag kommt hier Leben in die Bude. Bis jetzt sind Helen und ich allein gewesen (das Pärchen, das mich damals erwartet hat, waren übrigens John und Helen (zufällig heißt die halt auch so...), Freunde, die auf ihr Haus aufgepasst haben) aber jetzt am Montag zieht ein junges Paar aus München hier ein, das auswandern will. Bin gespannt. Und am 7. Februar kommt noch eine, die hier wohnen will... Die Sandelholzräucherstäbchen im Bad gehörn mir!!! ;-)

Hab mich gefunden. Seh euch bald. Achso und den Kick aus der Überschrift - den krieg ich grad von vielen vielen Dingen, aber NICHT von Champaign :-D
Luise

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